Über volkstümliche Bildung.
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zu bieten, das zugleich auch den Erwachsenen zur Förderung gereichen könne.
Fehlt bei einem Verein der anerkannt würdige Zweck, so gewinnt er besonders
leicht die zu Gliedern, denen nicht wohl ist in ihrem Gedinge und auf das
Amüsement hoffen, das das Vereinsleben in um so reicherem Maße zu bieten
pflegt, je kümmerlicher es mit der eigentlichen Aufgabe des Vereins bestellt ist.
Bei der Gründung anderer Vereine haben Pfarrer, Lehrer, Bürgermeister die
besten Absichten, aber sie sind von dem eitlen Wahn erfüllt, man brauche nur
guten Samen auszustreuen, um auch gute Ernten zu erzielen. Gute Ernte er
zielt nur der, der den Boden kennt, ihn entsprechend zu bearbeiten und mit der
paffenden Aussaat zu bestellen weiß. Wer den Lebensnerv des Volkes, unter
dem er wirken will, nicht kennt, wer ihn nicht zu schonen, für seine Zwecke
nicht nutzbar zu machen, zu kräftigen und zu pflegen vermag, dem muß der
Erfolg fehlen.
Ich habe in einem landwirtschaftlichen Vereine einige Vorträge über unsre
wichtigsten Futtergräser gehalten und hatte die Freude, daß die meisten Mit
glieder von der Zeit an nicht nur Interesse bewiesen für das Heer der Gräser,
sondern daß einige sich auch eine Lupe kauften, um sich an den unscheinbaren
und doch so schönen Blüten recht erfreuen zu können. Uber die alte volks
tümliche Einteilung der Gräser in saure und süße waren sie hinweg.
Daß die Triebkraft in dem volkstümlichen Gedankenkreise manchem wenig
wirksam erscheint, rührt wohl daher, daß es schwer hält, das für die Fortbildung
Passende ausfindig zu machen und es so anzubieten, daß man nicht irgendwie
anstößt und Mißtrauen erweckt.
Es ist selbstverständlich, daß bei der volkstümlichen Bildung mit der Eigen
schaft der Unmittelbarkeit auch die zusammenhängt, daß sie den ganzen Menschen
angeht. Das giebt ihr trotz aller Einfalt eine Tiefe, vor der wir, wie vor
manchem kindlichen Thun und Reden, staunend und mehr ahnend als begreifend
stehen, und das macht sie zu einem Jungbrunnen, aus dem die weitergehende
Bildung, soweit sie nicht Fach-, sondern allgemeine Bildung ist, immer wieder
wie Antäus aus seiner Mutter Erde sich neue und belebende Kräfte holen muß.
Als Goethe die Schriften des berühmten Italieners Vico kennen gelernt
hatte, schrieb er auf seiner italienischen Reise: „Es ist gar schön, wenn ein Volk
einen solchen^Ältervater besitzt; den Deutschen wird einst Hamann ein ähnlicher
Kodex werden." Von Vicos Schriften sagt Goethe, es seien darin sibyllinische
Vorahnungen des Guten und Rechten, das einst kommen soll, gegründet auf
ernste Betrachtungen des Überlieferten und des Lebens. Und von Hamann sagt
er: „Das Princip, auf welches sich sämtliche Äußerungen Hamanns zurückführen
lassen, ist dieses: Alles, was der Mensch zu leisten unternimmt, es werde nun
durch That oder Wort oder sonst hervorgebracht, muß aus sämtlichen vereinigten
Kräften entspringen: alles Vereinzelte ist verwerflich."
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