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I. Abteilung. Abhandlungen.
Wie das Kind mit seiner ganzen Person, mit vollem Leben bei seinem
Spiel, seinem Thun und Lassen ist, so ist Hamann, das wissen alle, die ihn
kennen, mit seiner ganzen Person auch bei seiner Autorschaft. Jede Vereinzelung
der Lebenskräfte bekämpft er als eine Schädigung des Lebens. Abstrakte Be
griffe sind ihm nur dies, nicht Leben; nur das ganze volle Leben ist ihm wahres
Leben. Und wie sich das Kind mit ganzem, vollem Vertrauen hingiebt, so gab
sich Hamann, nachdem er in seinem eignen Wesen zu schänden geworden war,
ganz und voll seinem Herrn und Heiland hin, sowie der Schrift, die von
ihm zeuget.
Diesem tiefgründigen volkstümlichen Zuge in seiner Bildung verdankt er
nicht nur die Tiefe seiner religiösen Erkenntnis, sondern auch das Unbeirrtbleiben
von allem Zeitgeschmack und aller Zeitmeinung, mochten sie an ihn herantreten,
in welcher versuchlichen Form sie auch wollten.
Luther wäre nicht der große Reformator, wenn er es nicht als ganzer
Mann gewesen wäre, wenn er nicht von Herzen geredet und mit seinem Herzblut
geschrieben und seine ganze Gelehrsamkeit in den Dienst volkstümlicher Arbeit hätte
stellen können. Seine gewaltigen Thesen, Sendschreiben und Schrifterklärungen
konnte er in die Welt senden, weil er den Brief an sein Hänschen schreiben
konnte. Sehr gut charakterisiert er selbst seine Art der Bildung, wenn er vom
Vaterunser sagt, es sei ein Wasser, in dem ein Kind waten und ein Elephant
schwimmen könne; er werde es als alter Doktor nie auslernen.
Philipp Wackernagel sagte seinen Primanern wohl, sie möchten in ein be
stimmtes Thal in der Nähe Elberfelds gehen, dort könnten sie in dem platt
deutschen Idiom ein Deutsch hören, an das das ihrige in manchem Betracht
nicht heranreiche. Weil Wackernagel diese Schönheit erkennen und schätzen konnte,
darum konnte er auch ein Lesebuch schreiben, welches nach Professor Jägers
Meinung noch nicht wieder in seinen Nachfolgern erreicht ist. Ist es Zufall,
daß die größten Germanisten des vorigen Jahrhunderts, die Gebrüder Grimm
nicht nur Grammatik und Wörterbuch der deutschen Sprache, sondern auch
unsere Kinder- und Hausmärchen uns wiedergegeben haben?
Wie der Sprachgelehrte, so bedarf auch der Musiker des Jungbrunnens
volkstümlicher Bildung. Haydn, Beethoven, Brahms sind wohl deshalb so große
Meister, weil sie den Volkston verstehen und schätzen konnten, weil dieser Volkston
so zur Wurzel ihrer Kunst wurde, daß sie ihn nicht nur volkstümlich zu ver-
wendeu, sondern auch in ihm ihren Reichtum an neuen Motiven zu finden ver
mochten. Ich kenne nichts Schöneres als das Volkslied: „Die Blümelein sie
schlafen" mit Brahms Klavierbegleitung. Wer so durch ebenso bescheidene wie
kunstvoll schöne Begleitung das Volkslied zu ehren vermag, der kann auch selbst
Volksweisen erfinden, wie die zu „Guten Abend, gute Nacht." Emil Fromme!
sagte einst auf einem Lehrergesangfest, daß wohl kein Pastor imstande sei, so

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