Über volkstümliche Bildung.
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erbaulich über Jesu Passion zu predigen, wie dies der alte Joh. Seb. Bach in
seiner Musik thue. Klingt aber nicht auch aus jedem Satz seiner Matthäus
passion, besonders aus der wunderbaren Bearbeitung der Choräle und aus den
Arien der volkstümliche Ton heraus?
Alexander v. Humboldt war nach Professor Schleidens Ausspruch in der
ersten Halste des vorigen Jahrhunderts der Einzige, der einen Kosmos als zu
sammenfassende Naturschilderung schreiben konnte, jetzt (in den sechziger Jahren)
könne es keiner mehr, weil die Specialgebiete so ausgebaut seien, daß keiner
mehr sie zu übersehen und ihre Ergebnisse zusammenzufassen vermöge. Es ist
mir immer sehr bezeichnend erschienen, daß Humboldt sein großes Werk Kosmos,
d. h. Schmuck nannte, ein Beweis, daß er bei seinen Forschungen und Arbeiten
gleicherweise mit Verstand und Gemüt beteiligt war. Daß er als ganzer Mensch
der Natur sich hingab, beweisen namentlich auch seine Ansichten der Natur; ich
erinnere nur an den rhodischen Genius und an Humboldts gleichschwebendes
Interesse für Natur- und Menschenleben.
Es erscheint mir als eine verhängnisvolle Sachlage, daß die heutige Special
arbeit in den Wissenschaften es dem Menschen so schwer macht, den Blick auf
das Ganze zu bewahren und mit ganzer Person zu arbeiten. Der Materialismus
und ähnliche Erscheinungen sind mir nur dadurch erklärlich, daß nicht ganze,
sondern nur denkende Menschen bei ihrer Herausgestaltung am Werke waren.
Herr Professor Paulsen hat auf dem Evangelisch-socialen Kongreß zu Kiel
am 26. Mai 1899 einen sehr interessanten Vortrag über die „Wandlungen
des Bildungsideals in ihrem Zusammenhang mit der socialen Entwicklung"
gehalten?)
Nachdem die drei Ideale, die sich bis hierher gefolgt sind, das klerikale,
das höfische oder modern-französische und das bürgerliche oder humanistisch-helle
nistische, kurz besprochen sind, wendet sich Redner dem Ideal der Zukunft zu.
Er findet dasselbe in den herrschenden Tendenzen unserer Zeit, in der nationalen,
der volkstümlich-demokratischen und der realistischen Tendenz angedeutet und be
stimmt es dann mit den Worten: „So dürfen wir sagen, es weisen diese
Richtungslinien, die ich gezogen habe, auf eine Bildung unsers Volkes, die allen
Gliedern des Volkes gemeinsam ist, die aus dem Eigenleben des Volkes gestaltet
ist, die die Gesamtheit seiner Glieder zur vollen Teilnahme an dem gesamten
geistigen Leben des Volkes zu erheben trachtet." (Vgl. S. 105.)
Daß die breiten Massen unsers Volkes im Aufsteigen begriffen sind, liegt
vor aller Augen; ebenso ist unleugbar, daß dieses Aufsteigen ein notwendiges
und erfreuliches ist, das jeder Volksfreund gern unterstützen und fördern wird.
9 Vergl. die Verhandlungen des Eo.-soc. Kongresses abgehalien in Kiel. Göttingen,
Vandenhoeck & Ruprecht. 1899, S. 95 ff.

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