Der Einfluß der Kultur auf die Entwicklung unserer Muttersprache. 25
halten, er war geliefert. Eine mildere Strafe war der Staupenschlag,
der dem von ihm Betroffenen alle Ehre und Achtung raubte: er war ein
geschlagener Mann. Als weitere Strafe ist das Auflegen oder Aufbinden
einer Rute an den Hals. oder Rücken bekannt (sich selbst eine Rute
binden); man stellte einen an den Pranger, man brandmarkte ihn,
indem man ihm eine Marke, ein Zeichen auf Stirn oder Wangen auf
brannte. Die entsetzlichste Strafe ist das Rädern, wobei dem unglücklichen
Verbrecher die Glieder zerschlagen und verstümmelt wurden; daran erinnern die
Wendungen sich wie gerädert fühlen und eine Sprache radebrechen
d. i. verstümmeln.
Die meisten Verbrechen konnte man mit Geld büßen. Eine ausgestorbene
Bezeichnung für Geldbuße hat sich hinübergerettet in der Wendung in die
Brüche gehen (vgl. Grimms Weistümer, Bd. III, S. 213, Meyerding zu
Volkerson: Der Richter richtet an die Schöffen die Frage: Was denn die
Brüche seyn soll? Brüche ist verwandt mit ndd. broke, Verbum broken, das
erhalten ist in der Wendung der hat feste brocken müssen, das mit ein
brocken nichts zu thun hat). Die Strafe der Freiheitsentziehung war den alten
Germanen unbekannt; sie führte die Ausdrücke Stock und Loch in unsere
Sprache ein. Der Stock ist ein Holzverschluß, in den Füße und Hände des
„verstockten" Sünders gespannt wurden; das Loch dagegen (von ahd.
lühhan schließen, vgl. Luke) bedeutet Verschluß oder Absperrung eines Raumes;
davon: ins Lock kommen oder fliegen, eingelocht werden. — Das
Begnadigungsrecht wurde so gehandhabt, daß man den Verurteilten mit dem
Mantel zudeckte oder bemäntelte (vgl. mit dem Mantel christlicher
Liebe zudecken, mhd. deckemantel). Nicht selten waren auch die Gottes
urteile, die aus den ältesten Zeiten stammen. Der Beklagte konnte sich
rein waschen, sich weiß brennen, die Feuerprobe bestehen, Gift
oder das Abendmahl auf etwas nehmen u. s. w. (vgl. wie auf
feurigen Kohlen sitzen, für jemand durchs Feuer gehen). Auch
durch das Los entschied die Gottheit; man konnte den kürzeren (Halm)
ziehen. Diese Entscheidung liebte man bei Besitzstreitigkeiten. Man trat ein
Besitztum damit an, daß man sich darauf setzte (sich in Besitz setzen)
oder trat (in Besitz treten, einen Besitz antreten) oder darauf
stand (etwas durch Kauf erstehen). So wurde man auch in ein Amt
eingesetzt, die Stelle wurde besetzt. Die rechtliche Entziehung des
Eigentumsrechtes nennt man oft Entsetzung; man wird seines Amtes
entsetzt oder abgesetzt. Man setzt jemand den Stuhl vor die
Thür, während man einem andern etwas anheimstellt d. i. in sein Heim
stellt. Auch durch Handanlegen beweist man sein Eigentumsrecht. Das erklärt die
Redensarten: die Hand an etwas legen, etwas aus der Hand

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