Die Individualität der Schüler.
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Wir entnehmen aus ihr einige Sätze.
Der Verfasser erkennt vor allem eine Pflicht des Lehrers gegenüber der
Individualität der Schüler an und bezieht sich dabei auf Goethes Wort:
„Wir können die Kinder nach unserem Sinne nicht formen;
So wie Gott sie uns gab, so muß man sie haben und lieben,
Sie erziehen aufs beste und jeglichen lassen gewähren.
Denn der eine hat die, die anderen andere Gaben;
Jeder braucht sie, und jeder ist doch nur auf eigene Weise
Gut und glücklich."
Innerhalb der angedeuteten Grenzen also hat der Lehrer positiv die Pflicht,
die Individualität des Zöglings, die keine konstante Größe, sondern bildungs-
und entwicklungsfähig ist, zur naturgemäßen Entfaltung zu bringen oder, wie
Herder in seinen Schulreden es nennt, sie herauszuarbeiten. Gerade heute mehr
denn je bedarf unser Gesellschafts- und Staatsleben statt der Dutzendmenschen
starker Individualitäten. Faßt der Erzieher seine Aufgabe in diesem Sinne, so
wird er den Reiz seines Berufes gerade darin erblicken, in jedem einzelnen
Kinde seine eigentümliche Bestimmtheit feinsinnig zu erkennen und an ihrer Aus
prägung mitzuarbeiten. Der echte Menschenerzieher gleicht dem Künstler — er
ist ein Künstler; denn er bildet den edelsten Stoff, den Menschen. Der wahre
Künstler paßt sich dem jeweiligen Material an, das seine Gesetze in sich trägt.
Wie der Bildhauer schon aus rein technischen Erwägungen des Marmors sprödes
Korn anders bearbeitet als das weichere Holz, so wird auch der Erzieher die ihm
anvertrauten Seelen nach ihrer Eigenart heranbilden helfen zu eigentümlicher
Vollendung. Dann handelt er in des Dichters Sinn:
.Keiner sei gleich dem andern, doch gleich sei jeder dem Höchsten!
Wie das zu machen? Es sei jeder vollendet in sich."
Mit dem soeben erwähnten Berechtigungswesen haben wir bereits die zweite
Quelle der Ursachen gestreift: Das staatliche Reglementieren und Uniformieren,
das aus dem Streben hervorgeht, die Schulen möglichst einander auszugleichen
und so den Übergang von der einen Anstalt zur anderen zu erleichtern. Werfen
wir einen Blick in die Geschichte des gelehrten Unterrichts, so sehen wir, daß es
einst ganz anders war. Wie förderlich ist dem Talente eines Lessing der früher
so weite Spielraum gewesen! Wer nur unsere modernen Gymnasien kennt,
staunt darüber, wie groß die Freiheit zu einem selbständigen Studieren, zu
Selbstthätigkeit und Privatfleiß nach eigener Wahl und Neigung war, welche die
Fürstenschule zu Meißen um 1740 ihren Zöglingen ließ. Die an Zahl ge
ringen Lehrstunden dienten nur dazu, „um zu zeigen, wo und wie geistige
Nahrung gesucht und aufgenommen werden müsse." Noch in den dreißiger
Jahren des neunzehnten Jahrhunderts war ein gegen heute erheblicher Spielraum
in der Anordnung des Kursus und Stundenplanes freigelassen. Seitdem hat
der Staat, besonders der preußische, der Schule die Bahn in immer schärferen
Linien vorgezeichnet, vor allem durch die Regelung des Abiturienten^amens 1834.
Durch das Eindringen des militärischen Geistes in die Schule sind lehrplan
mäßig jeder Schulart Unterrichtsgang und Stundenzahl aufs genaueste vor
geschrieben. An die Stelle des freieren Privatstudiums ist die Arbeit ex officio

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