Geteilte oder ungeteilte Unterrichtszeit.
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werden kann — in das Elternhaus. Heutzutage wird das ein pium desiderium
bleiben, wenigstens in den meisten Fällen. Der Austausch mit den Eltern wird,
besonders in der Großstadt, gering sein.
Schon längst beschreibt man ja die Entwicklungsgeschichte einer Pflanze,
eines Tieres: warum nicht auch die „Naturgeschichte" menschlicher Individuen,
da doch das eigentliche Studium des Menschen der Mensch ist? Eine solche
Geschichte der Menschheit wäre auch nach dem Sinne unseres großen Herder.
Solche ausgeführten Schülerbilder, die den Werdeprozeß einzelner Individualitäten
nachzeichnen, besitzen wir bereits von Pestalozzi, Herbarl u. a. Allerdings wie
die Dinge heute liegen, wird sich dieser Gedanke, von Ziller, Stoy und Rein
praktisch wieder aufgenommen, für unsere höheren Schulen nicht so fruchtbar
machen lassen, wie er es vielleicht verdiente.
Geteilte oder ungeteilte Unterrichtszeit.
Kürzlich fand die diesjährige Hauptversammlung der Vereinigung von Volks
schulleitern im Regierungsbezirk Düsseldorf statt. Aus der Tagesordnung bean
spruchte der Vortrag des Herrn Rektors Lenz, Krefeld, über das Thema: Ge
teilte oder ungeteilte Unterrichtszeit allgemeineres Interesse, weshalb
wir in folgendem den Inhalt seiner Ausführungen in seinem wesentlichen Teile
wiedergeben. Redner führte etwa Folgendes aus: Auf dem Gebiete der Phy
siologie und der Psychiatrie hervorragende Ärzte fordern den Wegfall des Nach
mittagsunterrichts, indem der Unterricht an den Vormittagen eine entsprechende
Verlängerung erfahren soll. Hierauf beruht das Princip des ungeteilten Unterrichts.
Sie stützen ihre Forderung aus experimentelle Untersuchungen, Ermüdungsmessungen,
durch welche sie nachweisen, daß der Nachmittagsunterricht die Gesundheit des
Schülers schwer beeinträchtigt und in vielen Fällen die Schuld an dem schlechten
Aussehen der Schüler und ihrer Nervosität trägt. Den Anfang der wissen
schaftlichen Untersuchungen in dieser Richtung bildeten die Messungen körperlicher
Arbeiten in ihrem Einfluß auf das Befinden und die Leistungen des Körpers
mittels des von dem Physiologen Mosso in Turin erfundenen Exographen, bei
dem die Arbeitsleistung des Mittelfingers, die im Heben und Senken eines Gewichtes
besteht, graphisch aus einen rotierenden Cylinder übertragen wird. Auf diesem
entsteht eine Linie, die Ermüdungskurve, welche bei demselben Individuum starke
Schwankungen zeigt, je nach der Intensität der vorhergegangenen körperlichen oder
geistigen Arbeit. Sodann ging man dazu über, den Einfluß körperlicher Er
müdung auf die geistige Leistungsfähigkeit nachzuweisen. Diese Versuche wurden
namentlich auch bei Schulkindern angestellt. Man ließ Gruppen körperlich und
geistig gleichmäßig entwickelter Schüler Diktate und Rechenaufgaben zu verschiedener
Zeit, nach 3-, 4-, 5 stündigem Unterrichte vormittags oder nachmittags mit und ohne
vorhergegangene Pausen anfertigen und stellte die Arbeiten in Vergleich. Um das
Nachdenken und Überlegen der Schüler unter dem verschiedenen, körperlichen Einfluß
noch sicherer beurteilen zu können, ließen andere Hygieniker den Schülern Prosa
texte vorlegen, welche durch eine Menge Auslassungen der verschiedensten Art
unvollständig gemacht waren und von den Schülern ergänzt werden mußten.

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