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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
Professor Dr. Griesbach in Mülhausen-Elsaß fußte bei seinen Versuchen auf
der Thatsache, daß die Hirnermüdung die Sensibilität der Nerven herabsetzt.
Tastempfindungen lassen sich von einander unterscheiden. Wenn die stumpfen
Spitzen eines Zirkels gleichzeitig auf die Haut gesetzt werden, so unterscheiden wir
deutlich zwei Eindrücke. Bei immer engerer Annäherung der Spitzen verschmelzen
schließlich die beiden Eindrücke zu einer einzigen Wahrnehmung. Die Entfernung,
bei welcher noch zwei Eindrücke zum Bewußtsein gelangen, nennt man Empfindungs
schwelle ; die Ausdehnung ist nun bei den verschiedenen Individuen je nach der
Feinheit ihres Nervensystems verschieden. Sie differiert aber auch bei demselben
Individuum nach Maßgabe der vorgangegangenen körperlichen oder geistigen An
strengung. Diese Versuche führten, an verschiedenen Tagen, zu verschiedenen
Tageszeiten u. s. f. angewendet, zur Feststellung ganz verschiedener Grade der
Hirnempfindlichkeit. Die Resultate zeigten in mancher Beziehung große Ab
weichungen, doch kann Folgendes als übereinstimmend bezeichnet werden: 1. Die
Leistungsfähigkeit nimmt bis zur 3., bezw. 4. Stunde zu und beginnt von da
ab wieder zu sinken; 2. Erholungspausen befördern die Leistungsfähigkeit; 3. die
qualitativ schlechtesten Arbeiten wurden geliefert nach Schluß eines ununterbrochenen
mehrstündigen, d. h. pauselosen Unterrichts; 4. die Nachmittagsleistungen standen
denen des Vormittags nach; 5. anstrengende körperliche Übungen setzen die psychische
Leistungsfähigkeit herab; 6. von den Fächern sind Mathematik und Sprachen
die anstrengendsten; darnach kommen Geschichte und Lektüre, schließlich Religion und
Naturwissenschaften. — Bezüglich des Nachmittagsunterrichtes betonen alle Hy
gieniker, daß die Ermüdung in diesen Stunden rapid zunehme. Die Ursache der
Ermüdung ist eine rein physiologische. Jeder arbeitende Muskel erfordert eine
erhöhte Blutzufuhr; bei jeder Anstrengung röten sich die Muskeln. Das Organ,
welches das meiste Blut bei seinen Verrichtungen erfordert, ist das Gehirn.
Obgleich sein Volumen nur */4o des Körpergewichtes beträgt, beansprucht es 1 ie
bis 1 k des strömenden Blutes. Nicht minder aber verlangt der verdauende Magen
eine Menge Blut. Diese beträgt nach Grünewald bis zu 15 Kilogramm.
Infolge dessen sind die anderen Organe während der Verdauung verhältnismäßig
blutleer. Die Verdauung befindet sich aber 2 Stunden nach der Hauptmahlzeit
auf dem Höhepunkte und nimmt dann langsam ab. Während der 3 ersten
Stunden nach dem Essen ist also der verdauende Magen die Ursache der geringen
geistigen Leistungsfähigkeit, wie auch das Sprichwort der Alten sagt: „Plenus
venter non studet libenter“, („Ein voller Bauch studiert nicht gern.") Aus
dem durch die heutigen Schulverhältnisse bewirkten Kampfe zwischen Verdauungs
und Hirnthätigkeit während des Nachmittagsunterrichts resultieren schließlich anomale
körperliche Zustände, wie Verdauungsstörungen, Appetitlosigkeit, Bleichsucht und
Nervosität, Erscheinungen, welche häufig bei der heutigen Schuljugend beobachtet
werden. Bedeutende Autoritäten wie Buchneder, L. Wagner und Professor Eulen
burg treten daher für die Beseitigung des Nachmittagsunterrichtes ein. Den
Nachmittagsunterricht aber auf die Zeit von 3—5 oder 6 Uhr etwa zu verlegen,
empfiehlt sich schon deshalb nicht, da alsdann die Schüler während eines großen
Teiles des Jahres bei künstlichem Lichte zu arbeiten gezwungen wären und da
dadurch auch die Zeit für die Anfertigung der häuslichen Arbeiten sehr weit in
die Abendstunde hinausgerückt würde. Will man daher der Forderung der Hy
giene Rechnung tragen, so muß der Vormittagsunterricht zum Prinzip erhoben
werden, und reicht der fünfstündige Vormittagsunterricht nicht hin, so ist doch der

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