Der Erlaß des Kultusministers Dr. Studt über das Lesebuch. 257
aber alles, was den Forderungen der Duldsamkeit nicht entspricht, oder was an
Bekenntnisstreitigkeiten erinnern könnte. Leseslücke, deren Inhalt sie der aus
schließlichen Behandlung im Religionsunterrichte zuweist, gehören überhaupt nicht
in das Lesebuch.
Das Lesebuch muß ferner der Beschäftigung und Lebensweise der Bevölkerung
gerecht werden, deren Kinder es benutzen. Landwirtschaft, Industrie, Gewerbe
und Handel geben hier die Richtlinien.
Ohne in Plattheiten zu verfallen, müssen die Dinge gebracht werden, wie
sie wirklich sind. Die Lesestücke dürfen nach Inhalt und Ton dem praktisch
nüchternen Bedürfnis nicht ganz abgewandt sein; es herrsche in ihnen ein ge
sunder Realismus.
Ebenso wie das Lesebuch nach seinem Inhalte dadurch beeinflußt wird, daß
die Schule, in der es gebraucht -werden soll, ein- oder mehrklassig ist, darf auch
nicht unberücksichtigt bleiben, ob es für Knaben oder für Mädchen oder für beide
zugleich bestimmt ist.
2. Das Lesebuch muß ebensowohl schöngeistigen, wie realistischen Stoff um
fassen. Hauptaufgabe beider ist die Charakterbildung des Kindes. Daneben hat
das Lesebuch noch eine, allerdings in den richtigen Grenzen zu haltende mehr
litterarisch-ästhetische Aufgabe, der auch die Stücke realistischen Stoffes dienen.
Ebenso ist es Mittel für die Vertiefung und Ergänzung des im Sachunterrichte
Gelernten und gleichzeitig Muster guter sprachlicher Darstellung. Während die
erste Aufgabe den Lesebüchern aller Schulen gemeinsam ist, tritt die zweite in
den Lesebüchern der mehrklassigen, die dritte in den Lesebüchern der einklassigen
Schulen mehr in den Vordergrund, ohne daß indes die anderen Aufgaben
dadurch zu stark zurückgedrängt werden.
3. Das Lesebuch hat Beiträge zu bringen aus dem Leben des Menschen,
wie es der einzelne an sich und als Glied der verschiedenen Lebenskreise —
Familie, Gemeinde, Kirche und Staat — durchläuft. Ter preußische Staat in
seiner geschichtlichen Entwicklung und das deutsche Reich mit seinen über die
Reichsgrenzen, insonderheit über das Meer hinausdrängenden wirtschaftlichen
Bestrebungen sind hierbei ausgiebig zu behandeln.
Gemäß der erziehlichen Aufgabe der Schule gebührt diesem im weitesten
Sinne des Wortes geschichtlichen Stoffe wegen seiner unmittelbar wirkenden
ethischen und religiösen Kraft der breiteste Raum im Lesebuche.
Auch das Leben der Natur verlangt im Lesebuche eingehende Berücksichtigung.
Es hat daher Darstellungen zu bringen aus den Gebieten der Geographie, der
Zoologie, der Botanik, der Chemie und der Physik.
Haus- und volkswirtschaftliche, staatsbürgerliche und gesundheitliche Be
lehrungen, soweit sie dem Kinde aus seinen Lebenskreisen verständlich werden
können, dürfen nicht fehlen.
4. Die Stoffe des Lesebuches müssen dem auf Grund der ergangenen
Bestimmungen ausgearbeiteten Lehrplane der Schule in deren einzelnen Ab
stufungen sich anschließen. Der gebotene Stoff hat zwar auch der Thätigkeit
der Phantasie und der Anregung des Gefühls zu dienen, in erster Linie aber
muß er für die Erkenntnis der Wirklichkeit und für das urteilende Nachdenken
ausreichende Gelegenheit bieten.
5. Das Lesebuch vermeide das zerstreuende, verwirrende und abstumpfende
Vielerlei und biete mit der zunehmenden geistigen Reife dem Kinde umfassendere
Lesestücke einheitlichen Inhaltes.

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