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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
„Dispositionsfond zur Förderung des Seminar-Präparandenwesensnämlich
526 780 M., und zwar 212000 M. mehr als im Vorjahre. An dieser Stelle
machen sich also wohl die Julibestimmungen am meisten bemerkbar.
Die Gesamtausgaben für die Lehrerbildung belaufen sich auf
8 765990 M. (ein Mehr von 604814 M.) Das gesamte Volksschulwesen er
fordert 87 41 l 574 M., also 58°/o der Ausgaben für das gesamte Kultusministerium.
Zu obigen laufenden Ausgaben kommen an einmaligen Ausgaben
2 039 382 M. (gegen nur 756171 M. des Vorjahres). Es finden sich hier
Ausgaben, die durch den Heeresdienst der Lehrer verursacht werden (besonders für
außerordentliche Seminar- und Präparandenkurse,) für Erbauung und Ausstattung
neuer Anstalten u. s. w. Die hier angesetzten Posten werden zum Teil wenigstens
sich für die Zukunft mit einer Erhöhung auch der laufenden Ausgaben sehr
bemerklich machen.
Gemeinsame Erziehung von Knaben und Mädchen, über dieses
Thema hat Prof. Rein in der ersten Nummer einer neuen, von Professor Dr.
Fr. Zimmer herausgegebenen Zeitschrift, ,,Frauendienst", einen Vortrag veröffentlicht,
aus dem wir einiges hier wiedergeben, ohne damit selbst zur Sache Stellung
nehmen zu wollen. Wo immer — so führt Rein aus — aus deutschem Boden
zum ersten Male der Vorschlag einer gemeinsamen Erziehung beider Geschlechte^
auch auf den höheren Stufen des Unterrichts gemacht wird, entfesselt er regel
mäßig einen Sturm der Entrüstung. Namentlich drei Einwände sind es,
die man dagegen erhebt. Zunächst: die historische Entwicklung unseres Schul
wesens spricht dagegen. In immer fortgehendem Maße hat sich die Trennung
der Geschlechter vollzogen. Gemeinsame Erziehung beider findet man jetzt fast
nur noch auf den Dörfern und in den kleineren Städten. Indessen das ist kein
begründeter Einwurf. Das historisch Gewordene ist nicht ohne weiteres auch das
Vernünftige. In Amerika hat die Entwicklung zum entgegengesetzten Resultate
geführt. Und daß man bei uns die Mädchen von den höheren Schulen aus
geschlossen hat, liegt hauptsächlich darin begründet, daß der Staat in diesen
Schulen vorzugsweise sich tüchtige Beamten heranbilden wollte, während er sich
um die Mädchenbildung nur wenig bekümmerte.
Tiefgehender ist der Einwurf, den die Psychologie erhebt. Man weist
hin auf die große psychische Verschiedenheit der Knaben und Mädchen, die eine
besondere Erziehung erfordere. Es wäre Thorheit, diese Unterschiede leugnen zu
wollen. Man kann im allgemeinen als feststehend ansehen: 1. Das Tempo in
der körperlichen und geistigen Entwicklung ist bei den Mädchen schneller als bei
den Knaben. 2. In der Entwicklung des Mädchens überwiegt das Fühlen, bei
den Knaben das verstandesmäßige Vorstellen. Indessen diese Unterschiede sind
nicht so groß, daß dadurch eine gemeinsame Erziehung ausgeschlossen wäre. Das
Gemeinsame überwiegt, und wo Unterschiede vorhanden sind, dienen sie zu gegen
seitiger Förderung und Ergänzung.
Der dritte Einwand: die Sittlichkeit leidet Gefahr. Hier wird grau
in grau gemalt. Die Erfahrung widerspricht dem. Gewiß sind bei näherem
Verkehr beider Geschlechter Gefahren nicht ausgeschloffen. Aber sind sie geringer
bei der künstlichen Scheidung? Gerade dadurch wird der Drang erweckt, die
Schleier des Geheimnisses zu lüften, an verbotenem Genuß sich zu laben. Gerade
durch das Zusammenleben von Knaben und Mädchen wird der Grund zur

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