III. Abteilung. Litterarischer Wegweiser.
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Sittlichkeit gelegt. Leben doch auch in der Familie beide Geschlechter zusammen,
und wie oft hat man die Schule als erweiterte Familie betrachtet!
Die Erfahrungen, die man in Nordamerika und anderwärts mit der gemein
samen Erziehung gemacht hat, sprechen durchaus zu deren Gunsten. Kein Wunder
darum, daß sie dort auch immer weitere Fortschritte macht. Im Jahre 1895
waren in Nordamerika in den größeren Städten bereits 93 °/o, in den kleineren
73 o/o der öffentlichen Schulen gemischt, von den Privatschulen etwa 2 /a, doch
wohl ein Zeichen dafür, daß auch bei freier Wahl seitens der Eltern dieses
System bevorzugt wird. In Stockholm wurde 1876 von Dr. Palmgren die
erste höhere Lehranstalt für Knaben und Mädchen gegründet; die seit 1884 in
Norwegen neu errichteten Schulen sind fast alle gemischt, und durch das
Schulgesetz vom Jahre 1896 ist dies System auch für die Staatsschulen an
genommen worden. Finnland hatte 1895 32 höhere*) und 40 Vorbereitungs
schulen gemischten Charakters, in Dänemark sind von 85 Realschulen 55 ge
meinsam, und in der Schweiz und in Holland stehn die meisten Knabenschulen
auch den Mädchen offen. In Deutschland hat erst Baden den Mädchen die
Knaben-Mittelschule grundsätzlich geöffnet, aber der Gedanke einer gemeinsamen
Erziehung beider Geschlechter gewinnt auch bei uns an Boden, und es wäre eine
Aufgabe der deutschen Kleinstaaten, hier mit Versuchen voranzugehn. Der Segen
für die Knaben- und Mädchenbildung könne nicht ausbleiben.
III. Abteilung. Litterarischer Wegweiser.
Naturkunde.
Das Wort .Jeder Lehrer ein Naturforscher!" bezieht Diesterweg selbst nur auf den
Kreis, in dem der Lehrer wirkt. In dieser Beschränkung dürfte es auch kaum bestritten
werden können. Sobald man es aber, wie das vielfach geschieht, in einem weitern
Sinne auffaßt, enthält es eine Übertreibung und eine Forderung, die unmöglich von
einem Lehrer erfüllt werden kann. Denn einerseits haben die Naturwissenschaften in
unseren Tagen einen solchen Umfang angenommen, daß selbst Gelehrte von Fach nicht
mehr das ganze Naturwissen beherrschen können und sich mit einem Special-Gebiet be
gnügen müssen: andererseits muß man bedenken, daß der Volksschullehrer nicht bloß
in der Naturkunde zu unterrichten hat. Wohin sollte es führen, wenn von anderer
Seite gefordert würde: „Jeder Lehrer ein Geschichtsforscher!, „Jeder Lehrer ein Mathe
matiker" u. s. w. Allerdings sollen wir nach einem Worte Herbarts „Virtuos" in
einem Fache sein. Aber dieses eine bevorzugte Fach kann nicht Naturkunde oder Ge
schichte oder Musik oder dgl. sein, sondern nur unsere Berufswissenschaft: Die Päd
agogik mit ihren Hilfswissenschaften Psychologie und Ethik. Die Berufswisienschaft liegt,
wie Lazarus in dem Artikel Bildung und Wissenschaft (Leben der Seele, Band I.) aus
führt, im Centrum, die übrigen Wissenschaften liegen in den Peripherien konzentrischer
Kreise. Ihre Entfernung vom gemeinsamen Mittelpunkte richtet sich danach, ob sie
unserm eigentlichen Berufszwecke nah oder fern stehen. Betrachten wir nun die Ge
sinnungsb ildu n g als die Hauptaufgabe unserer Arbeit, so liegen die eigentlichen
Gesinnungsfächer (Religion, Geschichte, Deutsch) jenem Mittelpunkt am nächsten. Ihnen
müssen wir daher unser Haupt-Interesse zuwenden. — Auf der Peripherie des zweiten
Kreises liegen die Naturwissenschaften. Diese Thatsache darf uns jedoch nicht verleiten,
sie zu vernachlässigen. Denn erstens stehen die Naturwissenschaften in unmittelbarem
Zusammenhange mit unsrer Berufswissenschaft. Psychologie kann man nicht mit Erfolg 9
9 In einer von diesen habe ich jahrelang mit großem Vergnügen unterrichtet und
kann nur bestätigen, daß der gemeinsame Unterricht dort nicht nur unbedenklich, sondern
wirklich erfolgreich war. von Rohden.
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