III. Abteilung. Litterarischer Wegweiser.
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Verschiedenes.
E. Ries, Die Gefahren der allgemeinen Volksschule (Einheitsschule). Leipzig und
Frankfurt a. M, Kesselringsche Hofbuchhandlung. 72 Seiten. Preis 0,80 M.
Der Verfasser betrachtet die allgemeine Volksschule in ihrem Verhältnis zu den
Standesinteressen der Lehrer, in ihrem Einflüsse auf die soziale Versöhnung und in ihrer
Wirkung auf Unterricht und Schulorganisation, wobei er zu dem Ergebnis kommt, daß
sie in jeder Hinsicht große Gefahren in sich berge, und daß es daher eine große Thor
heit sei, sie als erstrebenswertes Ziel hinzustellen.
Richtiges und Falsches wird in buntem Wechsel vorgeführt. Hier überzeugendes
Beweismaterial, dort sehr zweifelhaftes oder einseitig besehenes: hier klare Schluß
folgerungen, dort wenig sagende Redewendungen; viel rhetorischer Schwung und zu
weilen auch ein kräftig Wörtlein an die persönliche Adresse der Gegner: das giebt kein
ruhiges, klares Bild der Sache, aber ein Bild, das in der geschickten Darstellungs
weise des bekannten Verfassers sehr bestechend wirkt.
Zwei kleine Proben möchte ich herausgreifen.
„Was einem Kind aus einer geistig hochstehenden Familie allein durch den Anblick
von Elend, Unreinlichkeit und Ungeziefer für innere Qualen bereitet werden, haben sich
wohl nur wenige Verkünder der allgemeinen Volksschule klar gemacht. Nun kann sich
ja sehr wohl die Redensart, es sei moralische Feigheit, sich dem Anblick solcher Dinge
zu entziehen, man müsse das überwinden und müsse lernen, dem Bruder, der Schwester
die helfende Hand zu reichen. Aber eine helfende Hand besitzt das Kind ja gar nicht, das
diesem Anblick täglich ausgesetzt wird. Auch die andere Phrase, daß es eben zur Kennt
nis unseres sozialen Lebens gehöre, auch vor solchen Dingen die Augen nicht zu ver
schließen, hat keine überzeugende Kraft."
So etwas sollte in einem ernsthaft gemeinten Buche nicht zu lesen sein. Wer denkt
nicht an die Worte: Und da er ihn sah, ging er vorüber?
Was könnte auch einem Kinde gut situierter Eltern heilsamer sein, als daß es schon
in seiner Jugend etwas von dem Elend dieser Welt kennen lernt? Und gerade beim
Anblick des Elends steht dem Erzieher der Weg zum Herzen des Kindes offen. — Von
Unreinlichkeit und Ungeziefer aber brauchen wir nicht zu reden, die haben in der Schule
— auch in der Volksschule — nichts verloren.
Der Verfasier hebt hervor, daß die Vorschule einseitig den Sprachunterricht forciere
und — nun kommt das Merkwürdige — recht daran thue.
„Die Vorschule kann und darf sprachlich-technisch einseitig vorgehen, einmal, weil
ihre Schüler schon eine sichere Vorstellungs- und Anschauungswelt mitbringen und,
wenn nicht bereits sicher und gewandt, so doch hochdeutsch sprechen. Zweitens, weil das
im Sach- und Realienunterricht Versäumte in einem langen Schulleben und eingehendem
späteren Fachunterricht reichlich wieder eingebracht wird."
Aber nicht die alte Forderung Rousieaus: Sachen, Sachen! sondern — Worte —
Richtig, das ist noch eine alte Forderung. Wie sagt Mephisto gleich?
Im ganzen — haltet euch am Worte! Wenn man bloß dieser lustigen Weisheit
eine ernste Seite abgewinnen könnte!
Anderen Ausführungen des Verfassers kann man durchaus zustimmen. Zutreffend
sind besonders die Bemerkungen, die sich auf die Überfüllung der Unterklassen und die
Entvölkerung der Oberklassen beziehen. Die Einheitsschule ist eben keine vollkommene
Einrichtung, es haften ihr mancherlei Mängel an; aber die Vorschule, wie wir sie heute
haben, läßt sich weder vom pädagogischen, noch vom sozialen Standpunkte aus recht
fertigen. Und wenn sich vorläufig keine andere Lösung der Frage herbeiführen läßt als
die jetzt bestehende, dann ist die Einheitsschule in der That trotz Ries ein erstrebens
wertes Ziel.
F. Steinberg, Zur Neugestaltung der Lehrerbildung. Vortrag, gehalten auf der ersten
Hauptversammlung des Landesvereins preußischer Lehrerbildner. Berlin. Fr. Zillessen.
36 Seiten. Preis 0,40 M.
Der Verfasser bleibt im großen und ganzen auf dem Boden des Erreichbaren
stehen. Hier die wichtigsten seiner Forderungen.
Die Vorbereitungszeit dauerte sieben Jahre: davon seien fünf der allgemeinen und
zwei der Fachbildung gewidmet. Zwei lebende Sprachen (Franz, und Engl.) sind in den
Lehrplan der Seminare aufzunehmen. Die wissenschaftliche Fortbildung geschieht
in besonderen Hochschulen für seminarisch gebildete. Lehrer; die zweite Lehrerprüfung
kann wegfallen.

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