Juli 1902.
1. Abteilung. Abhandlungen.
Richtlinien für den Unterricht im Rechtschreiben.
N., im Mai 1902.
Sehr geehrter Herr Redakteur!
Nehmen Sie's mir nicht übel, daß ich sofort mit der Tür ins Haus
falle. Es handelt sich um die Drucklegung der beifolgenden „Richtlinien", denen
ich einige Bemerkungen zum richtigen Verständnis mit auf den Weg geben möchte.
Sie sind auf besondere Veranlassung entstanden.
Schon seit längerer Zeit ist hierorts die Lehrerschaft mit der Ausarbeitung
eines einheitlichen Lehrplans für den ganzen Jnspektionsbezirk beschäftigt. Kom
missionen und Uuterkommissionen liegen mit Eifer diesem Werke ob.
Eine derselben hat die Aufgabe übernommen, das „Rechtschreiben" im
Rahmen des gesamten Deutschunterrichtes genauer zu besehen. Eine Menge
„Leitfäden" waren zur Stelle. Die Besprechung derselben führte von selbst tiefer
in die Sache hinein.
Das Resultat der Prüfung war zunächst die Verwerfung der Leitfäden in
der landläufigen Form.
Gründe:
1. Die Stoffauswahl befriedigt nicht:
a) sie bringt viele Wörter, die sehr wahrscheinlich weder in der Schule, noch
im späteren Leben des Kindes jemals vorkommen,
b) sie bringt eine noch größere Zahl von Wörtern, die ein Schüler der
Mittel- und Oberstufe kaum jemals falsch schreibt —, es sei denn aus
Leichtsinn,
c) die schlimmsten Fehler der Schülerarbeiten (Deklinations-, Konjugations-,
Kasusfehler, Fehler im Satzbau, Verstöße gegen die Logik u. dgl.) werden
auf diesem Wege gar nicht getroffen.
d) Die Auswahl ist grundsätzlich falsch, denn sie darf überhaupt nicht nach
äußeren sprachlichen Merkmalen erfolgen —, nicht das Rechtschreiben,
sondern der Sach unterricht und die Sprachfertigkeit haben zu bestimmen,
welche Begriffe vorkommen sollen.
2. Die Anordnung des Stoffes ist unzweckmäßig:
a) Der Übungsstoff ist für die Unterstufe erdrückend,
b) er müßte in konzentrischen Kreisen von Jahrgang zu Jahrgang fort
schreiten,
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