Der Einfluß der Kultur auf die Entwicklung unserer Muttersprache. 29
Den Wörtern hing noch das Sinnliche des ersten Eindrucks an?) Der Satzbau
ist einfach; Nebensätze sind unbekannt. „Ich weiß, daß er lebt" ist ursprünglich
„ich weiß das: er lebt". Der Gleichklang im Anlaut (Stabreim) giebt der
Rede etwas Starres, das durch den Bilderreichtum zwar etwas gemildert wird.
In der Poesie werden entsprechend den heftigen Leidenschaften und den un
gestümen Handlungen der Personen bedeutsamere Gedanken in feierlicher, kraft
voller Weise wiederholt. Der Hintergrund der Ereignisse tritt gänzlich zurück?)
Zwei Verse aus dem Hildebrandslied (V. 63. 64) mögen als Beispiel genügen:
äo lettnn 86 aerist asckim scritan,
scarpen scürim; dat in dem sciltim stont.
Da ließen sie zuerst (die Rosse) ausschreiten mit den Eschenlanzen zu scharfem
Schauer: das stand in den Schilden.
Mit dem Eindringen des Christentums und der römischen Sprache
trat unsere Muttersprache in eine Übergangszeit, in der sie ihre einfache Schön
heit verlor. Die Satzungeheuer der lateinischen Sprache fanden Eingang, und
die Einfachheit der Satzfügung schwand. Z. B.:
do wart hi stunt mit dem eristin man
suslich gidingi gitän,
daz er ein einwig rungi
mit dem giboti vur mannkunni,
ob er den sigi irwurbi,
daz der mennischi nimmir irsturbi.
Da wurde gleich mit dem ersten Menschen die Verabredung getroffen, daß er einen
Einzelkampf ausföchte für das Menschengeschlecht mit der Bedingung, daß, wenn er den
Sieg erwürbe, der Mensch nimmer stürbe.
Anders wurde es, als der höfische Dichter, der Ritter, die
Sprache meisterte. Wie man von ihm nicht nur Mut und Kriegstüchtigkeit,
sondern auch elegantes Äußere, Feinheit und Anstand der Bewegungen, gewandtes
Benehmen beim Waffenspiel wie in der Gesellschaft verlangte, so brachte er auch
die starre Sprache in eine gefälligere, geschmeidigere Form. Die alte Klangfülle
ging zwar ein, die Sätze waren aber gelenkiger, die Darstellung war warm und
gemütvoll, der Ausdruck gerundet. Der Wortschatz nimmt, wie nachgewiesen,
auf die Kultur der Zeit Rücksicht, besonders auf die hösischen Sitten. Be
zeichnend auch ist, daß die Wortbedeutung mehr durchgeistigt ist und die Zahl
9 Vgl- hierzu Freytag, Bilder aus der deutschen Vergangenheit. Bd. I, S. 295.
297 f. Lam precht a. a. O., Bd. II, S. 183. Behaghel a. a. O., S. 196 ff.
9 Paul, Grundriß, Bd. II, S. 267 ff.
9 Schauffler, Althochdeutsche Litteratur. Leipzig. S.

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