Erziehungs- und Bildungsfragen auf den Kongressen.
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Teilnahme dem Suchen und Tasten des Bildungshungers in der Tiefe unten
nachging, war höchst eindrucksvoll. Wir werden wohl, sobald der Vortrag im
Wortlaut vorliegt, auf einzelne Punkte zurückzukommen haben und teilen heute
einen ziemlich guten Zeitungsauszug mit.
Ein Hauptmerkmal unserer Zeit ist das Bildungsstreben. Bei den sittlichen Merk
malen, welche für eine Nation charakteristisch sind, ist die Arbell ein entscheidendes
Merkmal. Doppelt wichtig ist es, wenn sich Arbeit und Bildung vereinen. Es hat nie
eine Zeit gegeben, die sich so sehr charakterisierte durch das Streben nach erweiterter
und vertiefter Bildung. Wer unsere Zeit kennen lernen will, muß auf ihr Bildungs
streben achten. Redner vergleicht den Zustand vor 30 Jahren mit dem heutigen. In
den Städten sind überall Bibliotheken, Lesehallen, Bildungsvereine u. s. w. 9 Für 10
bis 20 Mk. kann sich der Arbeiter eine wertvolle Bibliothek anschaffen, die ihn sein
Leben lang beschäftigen kann. Dann sind Bau-, Ackerbau- und Obstbauschulen geschaffen
und tragen auch auf das Land Bildung und Kenntnisse hinaus. Der Bildungsstoff,
den politische und Fachzeitungen bieten, wird in fast jedes Haus getragen. Bei dem
Kontrast zwischen der heutigen Zeit und der früheren müffen wir betrachten, wer die
Hauptträger dieses Bildungsstrebens sind. Das sind die Arbeiter und die Frauen.
Große Gruppen von Arbeitern beschämen die anderen Stände. (Sehr richtig!) Aus
H Vergleiche hierzu einige Daten, die über die Thätigkeit der Gesellschaft für
Verbreitung von Volksbildung Aufschluß geben: Zu Ansang des Jahres 1902
zählte die Gesellschaft 6239 Mitglieder, darunter 2660 Körperschaften und Vereine. In
Rheinland und Westfalen umschloß sie zu der nämlichen Zeit 203 Körperschaften und
122 persönliche Mitglieder. Im Jahre 1901 betrugen die Ausgaben der Gesellschaft
127 939 Mk.: davon wurden 19 372 Mk. den Verbänden und Vereinen für lokale
Bildungszwecke überlaffen, für Volksbibliotheken 68 805 Mk., für Vorträge 13 404 Mk.
u. s. w. Die Einnahmen setzen sich zusammen aus Mitgliederbeiträgen, aus Zuwen
dungen des Kaisers, des Staates, von Gemeinden und Privaten. Einem Thätigkeits
berichte der Gesellschaft entnehmen wir sodann noch folgende Angaben: Auf dem Ge
biete der Volksbibliotheksbegründungen ist insofern eine wesentliche Neuerung einge
treten, als die Gesellschaft die von ihr unentgeltlich abgegebenen Bibliotheken auch zu
Wanderbibliotheken in Stärke von 50 Bänden zusammenstellt, durch Beigabe von
Formularen u. s. w. entsprechend herrichtet und diese Bibliotheken alljährlich in den
Sommermonaten gegen Bücherkollektionen von gleicher Stärke umtauscht. Im vorigen
Jahre hat der Centralausschuß einige Beschlüffe gefaßt, die teilweise ein Hinausgehen
über die bisherige Thätigkeit bedeuten. So wurde beschloffen, den Körperschaften, die
der Gesellschaft angehören, eine besondere Berücksichtigung der Jugendfürsorge in ihrem
Arbeitspläne angelegentlichst zu empfehlen und die Bewegung für Errichtung von Volks
hochschulen durch Ankauf und Versendung einer Broschüre des Generalsekretärs der
Berliner Humboldt-Akademie, Dr. Max Hirsch, über Volkshochschulen an sämtliche
körperschaftliche Mitglieder der Gesellschaft, die Vorträge halten lassen, zu unterstützen.
Vom 1. Januar bis zum 31. Dezember 1901 liefen 1732 Gesuche um Volksbibliotheks-
Begründungen und -Unterstützungen aus allen Teilen des Reiches ein. In demselben
Zeitraum wurden von der Gesellschaft 538 Bibliotheken mit 29 859 Bänden neu be
gründet und 683 Bibliotheken mit 15 108 Bänden unterstützt, zusammen also an 1221
Bibliotheken 44 967 Bände abgegeben. Von den neubegründeten Bibliotheken waren
44 Wanderbibliotheken. Bis zum 1. April 1902 sind weitere 130 Wanderbibliotheken
errichtet worden, so daß z. Zt. 174 Wanderbibliotheken mit 8675 Bänden bestehen.
Damit dürfte der Beweis erbracht sein, daß mit dieser neuen Einrichtung einem Be
dürfnis entsprochen wird. Seit August 1892 hat die Gesellschaft an 3243 Bibliotheken über
140 000 Bände abgegeben. Hiervon entfallen auf die Provinzen Ostpreußen, Westpreußen,
Posen, Pommern und Brandenburg über 80 000 Bände, also etwa 60 Prozent. Das-
Schwergewicht der Arbeit auf diesem Gebiete wird auch weiterhin in den Ostprovinzen
liegen müffen, wo es nicht nur gilt, den mittellosen Gemeinden Unterstützungen zu
bieten, sondern noch mehr, das Jntereffe für die Errichtung von Volksbibliotheken zu
wecken und zu stärken, das im Westen und Süden des Reiches bei Gemeinden und.
Privaten in weitaus höherem Maße vorhanden ist und auch unter wenig günstigen
Verhältnissen in eigenen Leistungen zum Ausdruck kommt. Die Ausgaben der Gesell
schaft für Volksbibliothekzwecke seit 1892 beziffern sich auf insgesamt 142 562 Mk.

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