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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
Hamburg wird uns gemeldet, daß die Hochschulkurse hauptsächlich von kleinen Leuten
und Arbeitern besucht werden. Mit Bewunderung und Anteilnahme sehen wir, welche
Thatkraft die Arbeiter an den Tag legen. Es ist kein vorübergehendes Bedürfnis nach
Bildung, sondern es ist das Streben, das Wirkliche zu erkennen. Ein Hunger nach
wissenschaftlicher Wirklichkeit ist vorhanden. Noch elementarer ist das Bildungsstreben
der Frauen. Alle Schichten der Frauenwelt sind von diesem Ltreben ergriffen, nicht
bloß bei den nach wirtschaftlicher Existenz kämpfenden Frauen. Der Spott über die
Blaustrümpfe, die Amazonen verstummt mehr und mehr. Das Bildungsstreben ist so
allgemein und so vertieft geworden, daß man von einer Frauenbewegung und nicht nur
von einigen männlichen Frauen sprechen muß. (Beifall.) Der Staat zeigt sich auf der
ganzen Linie dem Bildungsstreben entgegenkommend und fördernd. Es sei nur an die
trefflichen neuen Regulative für den Unterricht an den Lehrerseminaren erinnert. Das
höchste Ziel der Bildung ist die freie Entfaltung der Individualität. Die Bildung wird
das Verständnis der Natur erwecken und mit der Natur versöhnen. Auch hier ist Kraft
und Freiheit das höchste Ziel. Bildung bedeutet das Vermögen, alles Menschliche mit
Verständnis in sich aufzunehmen, die Seele osten zu halten und andere Seelen zu öffnen.
Es ist das hohe Lied der Bildung, das ich hier gesungen. Daneben findet aber jene
Spottgestalt jeder Bildung: Der Bildungsphilister, keinen Raum. Der Bildung ist nur
feindlich gesinnt, wer sie nicht kennt oder wer sie verkennt. Die Schriftsteller, welche
die Bildung verächtlich machen — ich muß hierbei auch einen so verdienstvollen Namen
wie Tolstoi nennen — wirken schädlich mit ihrem Thun. (Zustimmung).
Das Bildungsstreben kann nicht mehr gehemmt werden, der moderne Verkehr hat
alle Zäune niedergerissen. Er läßt täglich tausende neue Eindrücke auf den Einzelnen
einwirken. Konkurrenz in jedem Sinne des Wortes ist die Signatur unserer Zeit.
Ratlos und hilflos steht der kleine Mann da, desten Horizont mit dem Kastanienbaum
30 Nieter von seinem Hause begrenzt ist. Für ihn giebt es auch nur einen Ausweg:
Bildung und Erkenntnis.
Das heutige Bildungsstreben geht von drei großen Richtungen aus. Es ist 1. die
Richtung: Erkenntnis des Wirklichen, 2. die Absicht, durch Bildung unabhängig zu
werden und wirtschaftliche Selbständigkeit zu gewinnen, 3. der Trieb, durch Bildung
das Lebensgefühl zu steigern, einen größeren Anteil am Leben in der Breite und Tiefe
zu gewinnen. Es ist erfreulich für den Mann der Wistenschaft, zu sehen, mit welchem
inneren Drange die Wissenschaft um ihrer selbst willen aufgesucht wird. Das zeigt sich
auch darin, daß an Stelle der Einzelvorträge die Kurse getreten sind. Wir freuen uns,
in einer Zeit leben zu dürfen, wo der Zug zum Wirklichen so stark ist. Wirklichkeit
bedeutet Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit, und darin liegt die sittliche Bedeutung. Die dritte
Richtung, durch Bildung selbständig zu werden, zeigt sich besonders in der Frauen
bewegung. Die Tendenz ist in jedem Sinne beifallswert und ist als ein sittliches Streben
in Anspruch zu nehmen. Ohne Beruf ist Mann wie Weib ein unnützes Wesen. Da
einer Anzahl Frauen die Ehe verschlossen bleibt und die Bedeutung der Hauswirtschaft
heute reduziert ist, so müssten die Frauen und Mädchen sich heute andere Berufe suchen.
Wir erwarten daraus eine Versittlichung' des weiblichen Geschlechts und eine Versitt-
lichung des Verhältnistes beider Geschlechter zu einander. Auch die furchtbaren Nacht
seiten, die sich in der Prostitution zeigen, dürften nicht in dem Maße bestehen bleiben
bei einer Förderung der Frauenberufsarbeit. Bei der dritten Richtung verstehe ich nicht
das Streben nach Genuß, wenn auch dieses was Berechtigtes enthält und wenn das
selbe auch am wenigsten einen Tadel von denjenigen verdient, welche sich möglichst
viele Genüsse verschaffen können. (Beifall.) Was ich unter Lebensgenuß verstehe, ist
das Streben, sich von dem abstumpfenden Einerlei des Lebens zu befreien, damit das
Leben nicht bloß aus einem Wechsel von Tag und Nacht besteht, sondern auch aus
einem Wechsel am Tage. Vom sittlichen und christlichen Standpunkte kann gegen dieses
Streben nichts eingewendet werden. Der sittliche und soziale Wert des Bildungsstrebens
ist in meinen Ausführungen überall von selbst hervorgetreten, ohne daß ich es auf
dringlich hervorkehren brauchte. Durch erhöhte Bildung findet ein Ausgleich der Stände
statt. Endlich wird der gebildete Mensch besonnener sein, Extreme vermeiden, weil ihm
das Verständnis für das bedingt Gegebene aufgegangen ist. Damit wird durch Bildung
der soziale Frieden gesichert. Leichtfertig würde ich nun aber handeln, wenn ich bei der
Aufstellung meiner These: Das Bildungsstreben sei sittlich und sozial und müste ge
fördert werden, nicht auch auf die Gefahren Hinweisen wollte. Als erste Gefahr er
scheint die der Halbbildung. Aber das L-treben niederzuhalten vermögen wir nicht.

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