Erziehungs- und Bildungsfragen aus den Kongressen.
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Wollen wir die Verantwortung übernehmen, es tiefer zu halten und auf Winkelgelehrte
und Winkelschreiber zu verweisen? (Beifall.) Also können mir Halbbildung nur durch
Ganzbildung verbannen, natürlich nur in abgestufter Form. (Lebhafter Beifall). Die
höchste Stufe der Erkenntnis kann niemand erfliegen, die großen Denker werden immer
einsam stehen, und es wird immer Wissenschaften geben, die nicht für alle sind. Aber
reine Luft ist nicht nur auf den Höhen, auch die Wissenschaft hat ihre Stufen. Die
besten Schriftsteller und Gelehrten sollten populäre Werke schreiben. (Beifall.)
Die noch größere Gefahr ist aber die Gleichmacherei in der Bildung, die direkt
antisozial wirkt. Sie hält die Entwickelung eigenartiger selbständiger Individuen nieder.
Tie antike Wissenschaft ist an dieser Gleichmacherei gestorben. Wie viele Bildungs
leichen können wir nicht heute um uns sehen. (Sehr richtig!) Auch die Frauenbewegung
ist von diesem Vorwurf nicht freizusprechen. Nur als eine Verirrung kann man es an
sehen, daß derselbe Beruf, dieselbe Bildungsgrenze gefordert wird, daß man behauptet,
die Frage cuiu8 generis habe heute keine Bedeutung mehr (Heiterkeit.) Es ist falsch,
die Frauenbildung nach dem Schema Männerbildung regeln zu wollen. (Beifall.)
Gleichwertigkeit und Gleichartigkeit ist nicht dasselbe. Längst ist es nachgewiesen, daß
die Frau in verschiedenen Berufen körperlich minderwertig ist. Sie entschuldigen. (Bei
fall.) Aufgabe der Zukunft wird es sein, für die Frau geeignete neue Berufe auszu
sondern. Heute stehen wir mitten auf dem Schlachtfeld, es sind schon genug gesunde
Menschenleben geopfert worden. (Zustimmung.) Die dritte Gefahr liegt in einer Bil
dung ohne sittliches Moment. Die Persönlichkeit des Lehrenden muß von der sittlichen
Kraft durchdrungen sein. Wir dürfen es nicht zulassen, daß wissenschaftlich gelehrt und
verbreitet wird, ohne daß das innere Bewußtsein gestärkt wird. Nirgends dürfen wir es
dulden, am wenigsten auf wirtschaftlichem Gebiet. Der Zustand der Glaubenslosigkeit
und Glaubenszerrissenheit ist der tiefste Schaden unserer Zeit. Alles Denken und
Schreiben, das nicht auf eine sittlich-religiöse Erneuerung hinzielt, hat nur vorüber
gehenden Wert. In der Tiefe aller großen sozialen Fragen und in der Tiefe aller
wissenschaftlichen Fragen stößt man auf das sittliche Moment und damit auf das reli
giöse. Der christliche Gottesgedanke entspricht allein diesem Geiste. Unsere Erkenntnis
darf nur allein auf Gott begründet sein. Alle Entdeckungen, alles Wissen, im Momente
berauschend wirkend, werden rasch trivial und wirkungslos, aber wenn sie zugleich in
ihrem inneren Sinne vertieft und erhöht werden und umgebildet werden in ihrem
tieferen Wesen, so haben sie ewiges Leben. (Stürmischer, anhaltender Beifall.)
Nach eingehender Besprechung des Vortrags wurde folgende Resolution ange
nommen:
Der evangelisch-soziale Kongreß dankt dem Herrn Referenten für seine Aus
führungen und erklärt sich mit den Grundgedanken seines Referats einverstanden, die
dahin gehen:
1. Daß das moderne Bildungsstreben in seiner Richtung auf Erkenntnis des Wirkf
lichen, auf Gewinnung wirtschaftlicher Selbständigkeit und Unabhängigkeit, sowie au-
Steigerung des Lebensgefühls und größeren Anteils am Leben in Bezug auf Breite
und Tiefe eine vollberechtigte sei.
2. Daß andererseits die mit dem Streben nach vermehrter und schnell zu erwerben
der Bildung verbundenen Gefahren der Halbbildung, falscher Gleichmacherei des
Bildungsganges und des Mangels an sittlicher Förderung der Charakterbildung nur
durch Darbietung einer geschlossenen sittlich-idealen Weltanschauung seitens der zur
Ausbreitung der zur Bildung Berufenen vermieden und überwunden werden können.
Auch die Nachmittagssitzung war einem ähnlichen Thema gewidmet, indem
Dr. Schubring und Privatdozent Dr. von Erdberg aus Berlin über den Ein
fluß der Künste auf das Volksleben vortrugen. Auch wenn man den
großen Erwartungen von einer Erneuerung des Volkslebens durch die Künste
etwas skeptischer gegenüber steht, kann man diesen edeln, opferfreudigen Bestre
bungen feine warme Sympathie nicht versagen. Die Wirkung der Vorträge
wurde gehoben durch die Ausstellung einer großen Anzahl von Kunstbildern aus
dem Teubnerschen Verlag, von denen man nur wünschen kann, daß die besten
von ihnen recht bald ihren Eingang in Schule und Haus finden und den
schlechten Öldruck und anderes seichtes Fabrikat verdrängen. Wichtiger als sein

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