294
II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
Vortrag selbst waren mir einerseits Dr. Schubrings gedruckte Mitteilungen über
seine volkstümlichen Führungen in den Berliner Museen und vor allem die
wundervolle Probe, die er nach Schluß des Kongresses von diesen seinen ästhe
tischen Bildungskursen gab. Er verteilte nämlich in einer dichtgedrängten Volks
versammlung die Holzschnitte von Holbeins Totentanz und erklärte dann
der andächtig lauschenden Menge die kleinen, ernsten, packenden Bilder. Ich hatte
zum erstenmal den unmittelbaren Eindruck, daß ein Künstler oder Kunstkenner,
der das Herz auf dem -rechten Fleck hat, einer gottentsremdeten Masse näher
kommen und mehr von Ewigkeitsdingen sagen könne als der geistreichste Prediger.
Möchten wir also doch den Einfluß, den die Werke unserer großen alten und
neuen Meister auf die sittlich-religiöse Hebung unsers Volkslebens haben könnten
und sollten, nicht zu gering anschlagen!
In einer Spezialkonfereuz stand gleichfalls noch ein pädagogisches Thema
zur Verhandlung; Superintendent Gallwitz berichtete über die social-religiöse
Bedeutung des Dekalogs in der Volksschule. Gallwitz bringt neue und frucht
bare Gedanken und die überlieferte Erklärung des 1. Hauptstücks hinein. Wir
hoffen Gelegenheit zu bekommen, uns im Schulblatt einmal näher damit zu
befassen.
In einer gewissen Parallele zum Dortmunder sozialen Kongreß stand die
gleichzeitig tagende deutsche Lehrerversammlung in Chemnitz. Die
Leser werden ja das Wichtigste aus diesen Verhandlungen schon durch die Tages
zeitungen erfahren haben. Ich wollte hier nur darauf hinweisen, daß hier ganz
ähnliche Fragen wie in Dortmund verhandelt wurden: „Bedeutung der Volks
bildung für die Volkssittlichkeit", und „Bedeutung der Kunst für die Erziehung".
Die Kunstfreunde unter den Lehrern gehen gewiß zu weit, wenn sie in ihrem
ersten Enthusiasmus für die neue Sache eine Gleichberechtigung der künst
lerischen Erziehung mit der intellektuellen und moralischen Bildung fordern. Das
sieht beinahe so aus, als handele es sich um drei parallele Geistesprovinzen, wie
man jetzt von der Gleichberechtigung der drei höheren Schulformen spricht. Wir
waren bisher der Meinung, daß die Ziele der Pädagogik durch die Ethik vor
gezeichnet würden, und daß die intellektuelle Bildung diesem Ziele der Charakter
bildung zu dienen habe; also doch auch wohl die ästhetische Bildung. Doch sind
das ja Einseitigkeiten, die jedem jungen Streben anhaften und anhaften müffen,
wenn es sich Beachtung erzwingen will. Wir brauchen diese Überschätzung der
Ästhetik nicht tragisch zu nehmen.
Jedenfalls liegt die Frage „in der Luft"; auch die von Hofprediger Stöcker
und Lic. Weber ins Leben gerufene Freie kirchlich-soziale Konferenz
beschäftigte sich bei ihrer Düsseldorfer Tagung mit dieser Angelegenheit. Pastor
H a u s l e i t e r von Barmen sprach recht warm für eine Vertiefung des künst
lerischen Interesses in unserm Gemeindeleben.
Wichtiger für uns war die Sitzung der Schulkommission dieser Konferenz
unter Vorsitz von Hauptlehrer Diehl in Frankfurt. Rektor Horn trug über das
„Fürsorgeerziehungsgesetz und die öffentliche Erziehung" vor.
Wir teilen aus diesem Vortrag, der in der „Jugendfürsorge" erscheinen
wird, folgende Abschnitte mit:
Sieht man die Bedeutung des Gesetzes lediglich in seiner buchstäblichen
Anwendung, so muß es notwendig allerlei Bedenken erwecken. Wie viele An
stalten sind in Wahrheit geeignet, das Elternhaus zu ersetzen? Wie viele

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.