Erziehungs- und Bildungsfragen auf den Kongressen. 295
Familien wollen und können dies an dem fremd aufgenommenen Kinde thun?
Der Gefährdeten giebt es unter den Heranwachsenden Knaben und Mädchen so
viele, daß unmöglich alle zweckentsprechend können untergebracht werden. Wo
sollen die Familien, die Anstalten Herkommen, diese Scharen aufzunehmen, und
woher die Gelder, die Kosten dieser Unterbringung zu decken? Beschränkt man
sich aber auf die ganz besonders gefährdeten Kinder, so bleibt's im wesentlichen
beim alten; für diese Fälle hat die christliche Liebesthätigkeit sich schon lange
erfolgreich in den Riß gestellt.
Daß dem Gesetze mit der buchstäblichen Anwendung keineswegs ein Genüge
geschieht, das kann uns jeder Fall, für den es gilt, mit ergreifender Deutlichkeit
lehren, mögen dabei entartete Eltern oder entartete Kinder in dem Vordergründe
des traurigen Bildes erscheinen; ebenso lehren es die Entscheidungen, die von den
oberen Behörden aus Anträge auf Überweisung zur Fürsorgeerziehung ergangen
sind. Man kann keinen dieser Fälle näher ins Auge fassen, ohne sich auf allerlei
Beziehungen hingewiesen zu sehen, aus denen das vorliegende Verderben wenigstens
zum großen Teil seine Erklärung sindet. Ist die Familie durch die Trunksucht
des Vaters so heruntergekommen, so haben gewöhnlich in den Anfängen die An
gehörigen, die Freunde und Nachbarn, die Arbeitgeber und Arbeitsgenossen, die
Lehrer, Pfarrer und Presbyter nicht ihre Pflicht an dem in Gefahr stehenden
gethan. In den Jugendjahren fehlte es an der rechten Anleitung zu zweck
mäßiger Benutzung der Freizeit und zum Sparen. Gewissenlose Wirte lassen
ungestraft alle Künste der Verführung spielen, um möglichst viele Gäste anzu
locken ; an Lokalen, die in guter Weise Erholung und geselligen Verkehr ermög
lichen, ist fast überall Mangel. Denkt man nun noch an die Wohnungsverhält
nisse, die es oft fast unmöglich erscheinen lassen, unter ihnen ein behagliches
Daheim sich zu schaffen, an die vielfach lediglich mechanische Arbeit, an die Folgen
der Zusammenhausung von Tausenden von Arbeitern an demselben Ort, so muß
sich ohne Zweifel neben der Frage: Was muß geschehen, um die Kinder aus
ihrer trostlosen Lage zu erretten? auch die erheben: Was ist zu thun, um solchem
Familienelend vorzubeugen?
Welcher Pfarrer, Lehrer, Bürgermeister, oder welches sonstige Gemeindeglied
könnte wohl den Antrag stellen, dieses oder jenes Kind in Fürsorgeerziehung zu
geben, ohne sich vorher die Frage beantwortet zu haben: Hast du an dem Kinde
gethan, was du solltest und konntest? Und wenn du direkt nicht an das Kind
herankonntest, hast du denn deinen Einfluß in gebührender Weise geltend gemacht
auf die durch ihre Stellung verpflichteten Erzieher des Kindes, auf die Eltern,
Lehrer, Verwandten, auf die Freunde. Nachbarn u. s. w. ? Thust du überhaupt
für die heranwachsende Jugend, was du solltest und könntest? Die Fürsorge
erziehung erscheint den Eltern fast immer als eine Strafe. Wenn du nun mit
schuldig bist an dem Stand des Kindes, woher hast du das Recht, die Strafe
auf die Eltern herabzurufen? Willst du nur das Wohl des Kindes, so schlage
doch zuvor an deine Brust, da du doch auch dessen Wohl so gröblich vernach
lässigt hast!
Aus ältester Zeit stammt das Wort: Soll ich meines Bruders Hüter sein?
Wir wissen, aus welcher traurigen Gesinnung es geboren ist. Durch alle Zeiten
ist es wiederholt worden, wenn auch nur aus Bequemlichkeit und Gleichgültigkeit
gegen das Wohl anderer, aus Liebe zu einem faulen Frieden, die da glaubt,
auch das Schlimmste mit ihrem Mantel zudecken und es entschuldigen zu müssen,

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