296 II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
aus Furcht, mit unliebsamen Mahnungen Anstoß zu erregen. Hätten wir nicht
alle das Kainswort so sehr auch zu dem unsrigen gemacht, so stände es ganz
anders in unsrer Umgebung und mit uns selbst.
Wollen wir dem Geist des Gesetzes näher kommen, so müssen wir zunächst
es bekennen, daß wir unsre Pflicht gegen die heranwachsende Jugend in unserm
Gesichtskreise nicht erfüllt haben und mitschuldig sind an dem Verderben, das sich
dort so mannigfaltig zeigt.
Man muß allerdings gestehen, daß die beklagenswerte Unthätigkeit vor
Erlaß unseres Gesetzes eine nicht unbegründete Entschuldigung hatte. Es fehlte
an einem genügenden Rückhalt gegen die Widerwilligkeit der gefährdeten Jugend
und deren Eltern oder Pfleger. Wenn man einem Jungen sein böses Thun
verwies, oder ihn gar strafte, so mußte man fürchten, mit dem Vater Händel
zu bekommen oder gar mit Erfolg von ihm gerichtlich belangt zu werden. Hatte
man ferner an einem Kinde das menschenmögliche gethan und war zuguterletzt
zu der Erkenntnis gekommen, daß ohne Verpflanzung in einen andern Boden
dem Kinde Hilfe nicht zu bringen sei, so sah man oft all sein Sorgen und
Arbeiten vergeblich gemacht, wenn die Eltern das Kind herzugeben sich nicht
willig machen ließen.
Diesen bisher fehlenden Rückhalt bietet nun das Fürsorgegesetz. Wenn
jetzt ein Vater dem Volksfreund, der ihm seinen gefährdeten Sohn erziehen helfen
will, statt ihm zu danken, oder gar ihn frech abweisen will, so muß er befürchten,
daß er mit diesem seinem Thun nur den Beweis liefert, daß er zur Erziehung
seiner Kinder nicht imstande ist und dieselben unter bessere Erziehung müssen
gebracht werden. Ebenso müssen Knaben und Mädchen, die auf ihrem bösen
Wege zur Umkehr gemahnt werden, sich sagen, daß sie dieser Mahnung nicht
widerstreben dürfen ohne Gefahr zu laufen, die mißbrauchte geliebte Freiheit
unter der Fürsorgeerziehung ganz zu verlieren. Nach Inkrafttreten dieses Gesetzes
können die Jugendfreunde die Gewißheit haben, daß ihre Arbeit keine vergebliche
ist. Erweisen sich die üblen Familienverhältnisse stärker als ihr Einfluß, so ist
derselbe doch nicht umsonst geübt; er wird in der Fürsorgeerziehung seine Weiler
führung finden, und hoffentlich wird auch der rechte Erfolg nicht fehlen.
Sieht man denn nichts von den Zusammenhängen, in denen die beklagten
Erscheinungen mit dem gesamten Volksleben stehen? Sieht man nicht, wie die
materialistische Lebens- und Weltanschauung, die zügellose Genußsucht, der krasie
Egoismus aus den obern Ständen zu den niedern hindurchgedrungen sind und
hier nur deutlicher und erschreckender zum Ausbruch kommen, weil die äußeren
Anlässe fehlen, sich mit seinem schlimmen Thun im dunkeln zu halten? Es ist
hier nicht der Ort, auf diese gesellschaftlichen Zusammenhänge näher einzugehen,
aber das muß gesagt werden, daß wir dem hereinbrechenden Verderben gegenüber
machtlos bleiben müssen, solange nicht richtigere Anschauungen über Nächstenpflicht
und deren Bethätigung in uns die herrschenden werden.
Sobald die Arbeitgeber eingedenk würden, daß sie auch für das persönliche
Wohl ihrer Arbeiter zu sorgen verpflichtet sind, sobald die Arbeiter die ent
sprechende Pflicht gegen ihre Genossen und Arbeitgeber erfüllten, sobald wir alle
unsere Pflicht gegen Verwandte, Freunde. Nachbarn und alle, die wir in unsern
Gesichtskreis gestellt sehen, gern und ernst thäten, sobald dies geschähe, hätten wir
das, was ich öffentliche Erziehung genannt habe, die notwendige Voraus
setzung für die gedeihliche Wirksamkeit des Fürsorgegesetzes.

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.