Erziehungs- und Bildungsfragen auf den Kongressen.
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Daß wir zur öffentlichen Erziehung verpflichtet sind, mit anderen Worten,
daß wir das Wohl unsers Nächsten nach besten Kräften zu fördern haben, das
sagt einem jeden sein Gewissen; nach dem Maß der sittlich-religiösen Bildung
kann nur der Kreis der Verpflichtung ein verschiedener sein. Wenn wir Lehrer
sehen, daß ein Schüler, wenn auch lange nach der Schulzeit, auf böse Wege
gerät, so ersteht uns gleich die Frage: Was hast du an dem Schüler versäumt,
daß er solche Wege gehen kann? Ich muß gestehen, daß es mich in solchem
Falle gar nicht tröstet, wenn ich zwischen seiner Verfehlung und meinem Thun
und Lassen keinen Zusammenhang finden kann, wenn also seine Verfehlung nicht
als Folge einer mangelhaften Berufserfllllung erscheint. Es ist mir immer pein
lich, dem Verirrten oder seinen Angehörigen zu begegnen, denn ich muß mir sagen:
Hättest du mehr Liebe und Ernst an seine Erziehung gewandt,-.hättest du ihn ernster
zur Selbstzucht und Gottesfurcht erzogen, so wäre es vielleicht anders gekommen.
Wohl stehen die Wege der Menschen in Gottes Hand, das aber entbindet
uns nicht, an jedem unsrer Mitmenschen unsere Pflicht zu thun.
Es giebt allerdings noch einen Einwand, mit dem die Unthätigen sich zu
entschuldigen bemüht sind. Sie sagen: Die öffentliche Erziehung ist unausführbar.
Man kennt ja in den Großstädten und den Jndustriebezirken nicht einmal die
Leute, die mit uns unter demselben Dache wohnen, und was soll der Einzelne
ausrichten gegen die allerdings sehr beklagenswerten Ausschreitungen, die nun
einmal in dem unruhigen Getriebe unvermeidlich sind?
Aber warum kennen sie ihre Nachbarn nicht? Ist es nicht der ebenso
falsche wie unchristliche Bildungs- und Ehrbegriff, der sie so gleichgültig macht
gegen die Menschen in ihrer Umgebung? Bequem mag es sein, von ihnen keine
Notiz zu nehmen; es mögen auch allerlei unliebsame Erfahrungen dazu geführt
haben, sich in seinem nachbarlichen Verkehr aus das äußerste zu beschränken; von
der Pflicht aber, dem Nächsten zu helfen und ihn zu fördern, wo und wie ich
kann, kann mich nichts entbinden.
Nach einem psychischen Gesetze kommen unter allen Anhäufungen von Men
schen die schlimmern und ihre Pläne obenauf, und so muß man sich dort auf
allerlei Verderben gefaßt machen. In der raffiniertesten und schamlosesten Weise
treiben die Verführer ihr Werk; traurig stehen die Besseren am Wege und sehen
dem zu, aber es fehlt ihnen an Geschick und Mut, den Verführern zu wehren,
vor allem an Vertrauen zu der siegreichen Macht der Wahrheit. Wären zehn
Gerechte in Sodom gewesen, so hätte der Herr der Stadt vergeben um ihret
willen; in ihrer Gemeinschaft hätten die schlafenden Gewissen erweckt und die
erweckten Gewissen geläutert und gestärk und damit dem allgemeinen Verderben
gewehrt werden können. Der Herr sagt von seinen Jüngern: Ihr seid das Salz
der Erde, das Licht der Welt. Wie er ihnen damit eine ernste Mahnung giebt,
ihre Salz- und Lichtnatur in treuer Übung sich zu erhalten, so giebt er damit
auch eine vertrauen- und kraftspendende Verheißung, daß ihre Arbeit unter der
gottlosen Menge keine vergebliche sein kann.
Diese Arbeit muß eine persönliche sein. Unsere an sich so guten Wohlfahrts
gesetze gehen des besten Segens dadurch verlustig, daß das persönliche Moment
in dem Wohlthun fehlt.
Der Erziehungssragen nahm sich die Konferenz auch sonst sehr fleißig an.
Sowohl in der Verhandlung über die kirchlich-soziale Aufgabe der Gymnasien,

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