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Januar 1902.
I. Abteilung. Abhandlungen.
Die die Fackel tragen, sollen die Fackel weiter geben.
Betrachtung über das Gleichnis
von den anvertrauten Centnern Matth. 25, 14 ff.
Von O. Flügel.
Die die Fackel tragen, sollen sie weiter geben. Aus dem griechischen Alter
tum ist dieser Spruch auf uns gekommen. Recht ein Wort für alle Schulen
und gelehrten Anstalten. Die, welche die Leuchte des Wissens und Könnens an
zünden, pflegen, fördern, sollen dies nicht für sich behalten, sondern sollen die
Fackel weiter geben.
Unser Heiland nimmt in dem Gleichnisse von den Centnern jenem Worte
die Beschränkung auf das Wissen und erweitert es auf alle Gebiete des
Wirkens. Jede Kraft, jede Fähigkeit soll fruchtbar für andere gemacht, jede
Fackel weiter gegeben werden. Mit jedem Jahre wird uns ein neues Pfund,
eine neue Frist, neue Gelegenheit zum Wirken, gegeben.
Gar verschieden sind die Pfunde, die Talente, die Gaben, die Ämter,
die Gelegenheiten des Wirkens ausgeteilt. In Hannover zeigt man noch den
Laubgang, wo Leibniz einst nach zwei Blättern gesucht hat, die einander ganz
gleich wären. Er fand genug, die einander sehr ähnlich waren, völlig gleiche
nicht. Noch viel weniger gleicht ein Menschenkind dem andern in allen Stücken.
Die Centner sind verschieden ausgeteilt. Ohne Zweifel hat Gott, der Vater
der Geister, dabei die Absicht, seine Kinder sollten einander bedürfen, einander
ergänzen, einander helfen. Sie sollten lernen, die Verschiedenheiten zu tragen,
einander zu dienen, ein jeglicher mit der Gabe, die ihm eigen ist. Wir müssen
unter Menschen von ganz verschiedener Einsicht, Begabung, Gewohnheit, Neigung,
Anschauung leben. Wollten wir nur mit jenen gleichgestimmten Seelen in Ein
tracht leben, die fast in allen Stücken unsere Anschauungen und Neigungen
teilen, wie klein wäre der Kreis! Wie viele, von denen wir uns absondern
müßten!
Aber auch von unsern ersten christlichen Brüdern wird nicht gesagt: sie
waren ein Geist und ein Verstand, sondern ein Herz und eine Seele. Es
muß eine Gesinnung geben, die hinweg hilft über die natürlichen, unvermeid
lichen Verschiedenheiten.

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