Mädchenhochschulen in Amerika.
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großen Aufgabe mit ganzem Ernste, so werden wir auch in unserem Unterrichte
den Schlüssel finden zu den Herzen der Kinder und Eltern, besser als wenn wir
uns sklavisch an die viel zu uniformen amtlichen Stosfanweisungen binden.
Mädchenhochschulen in Amerika.
Seit 1880, wo unsere Bevölkerung mehr
als 50 Millionen aufwies, sind wir in den
Horizont der großen Nationen Europas ge
treten. Von nun an haben wir ein neues
Problem, nämlich uns der europäischen
Civilisation einheitlich anzugliedern. Diese
Aufgabe hat in erster Linie die Schule zu
lösen. Dr, Harris.
Während das große Publikum erst durch die Weltausstellungen überm Ozean,
den wirtschaftlichen Wettbewerb und neuerdings durch die Prinzenreise veranlaßt
wurde, sich etwas mehr mit den amerikanischen Verhältnissen bekannt zu machen,
hat man in pädagogischen Kreisen schon seit längerer Zeit mit Interesse den Eifer
verfolgt, mit dem man in dem Lande des Dollars sich auf das Studium von
Erziehungsfragen geworfen hat, ganz besonders auf psychologischem Gebiete. Einen
interessanten und in mancher Beziehung lehrreichen Einblick in die Gestaltung
des praktischen Unterrichtsbetriebes giebt nun eine vor einiger Zeit erschienene
Schrift von Dr. Joh. Ziegler unter obigem Titeldie auf eigener Anschauung
der amerikanischen Verhältnisse beruht und darum doppelt wertvoll ist. Ihr
Thema ist heute, wo die „Frauenfrage" überall spukt, ein recht zeitgemäßes.
„In einem einleitenden Artikel behandelt Ziegler das Bildungsideal der Frau
und kommt dabei zu dem gewiß von allen Einsichtigen gebilligten Eudurteil.
Das Hauptziel in der Frauenbewegung ist und muß bleiben: DieAusbilduug
des Weibes zum Weibe, die Entwickelung derjenigen Fähigkeiten
und Kräfte, mit denen das Weib besonders ausgestattet ist.
Je mehr die Frau Weib wird, desto gleichwertiger wird sie dem Manne. Während
es dem Manne gebührt, über die wichtigsten Erscheinungen der verschiedenen
Lebens- und Kulturgebiete nachzudenken und sie aufeinander zu beziehen, sie also
logisch zu durchdringen, ist es der Frau naturgemäßer, sie auf ihr eigenes Selbst
zu beziehen, sie gefühlsmäßig, ästhetisch aufzufassen. Litteratur und Kunst werden
darum für sie die wichtigsten Gegenstände der Bildung bleiben müssen. Die
verschiedenen Doktorinnen der Philosophie, Rechtswissenschaft rc. werden daran
nichts ändern, sie werden als Kuriosität in der Geschichte der Frau bleiben,
lebendige Zeugnisie für eine mächtige Reaktion gegen die hergebrachte Vernachlässi
gung der weiblichen Bildung.— Und nun zu den armerikanischen Mädchenhoch
schulen, die scheinbar alles dem weiblichen Geschlechte bereits bieten, was bei
uns noch von den Führerinen der Bewegung so heiß begehrt wird. Im Jahre
1865 entstand die berühmte von Matthew Vassar begründete Mädchenhochschule
(Vassar College), die als Musteranstalt Amerikas gepriesen wurde. Ihr Ziel
war aber durchaus nicht, die Frau dem Manne gleich zu machen, sondern sie
sollte durch Unterricht und Bildung des Geistes rechte Frauen bilden, ohne Rück-
0 Die Mädchenhochschulen in Amerika. Eine Kulturstudie von Dr. Johannes
Ziegler. Gotha, 1901, Verlag von E. F. Thienemann. Preis 1,20 M.

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