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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
sicht auf besondere Zwecke. Nach dem Muster dieser Anstalt sind etwa 150 weitere
Mädchenhochschulen in Amerika entstanden, die 1897/98 von 15OOO Schülerinnen
besucht wurden. Daneben giebt es auch eine ganze Reihe gemischter Anstalten,
(coeducational), auf denen neben den Studenten etwa 20000 Mädchen studieren.
Die Universität Chikago zählt z. B. unter 2500 Besuchern 1000 weibliche
Hörer, ähnlich ist das Verhältnis an andern Universitäten! In dem von den
Quäkern begründeten Swarthmore College bei Philadelphia werden seit 35
Jahren Studenten und Studentinnen gemeinsam unterwiesen und nach der Be
hauptung der Leiter mit dem besten Erfolge, ohne alle die gefürchteten Nachteile
in gesundheitlicher und sittlicher Hinsicht. Ein besonderer Vorzug der meisten
Colleges ist ihre wunderschöne Lage, die Studentinnen wohnen verteilt in hübsch
im Grün versteckt liegenden Häusern, die unter der Obhut einer gebildeten Dame
stehen. Sie liegen in der Stille und doch wieder nahe bei den großen Kultur-
und Verkehrsmittelpunkten Philadelphia, New-Hork, Boston u. a.
Was uns beim Unterrichten auffällt, ist die Art desselben, die das Princip
"des Selbstsindens sehr in den Vordergrund stellt, in etwa also den Gedanken unseres
„darstellenden Unterrichts" auf den höheren Schulunterricht in ausgedehnterem
Maße überträgt. In Nationalökonomie z. B. erhalten die Zuhörerinnen oft die
Aufgabe, den Betrieb einzelner Unterrichtszweige auf Grund persönlicher, am Platze
vorgenommener Erhebungen darzustellen, gewiß der beste Weg zur Selbstthätigkeit
anzuregen! Der naturwissenschaftliche Unterricht ist vor allem aus Anschauung
und Übung angelegt; so arbeiten die Schülerinnen in der Biologie, um einen
genauen Einblick in das Wesen und die Gesetze der organischen Welt zu bekommen
eifrig mit Mikroskop und Zeichenstift. Vassar College hat eine vollständige
Sammlung amerikanischer Vögel, Wellesley eine solche von Nutzpflanzen. Kunst
und Musik werden eifrig gepflegt, Smith-College hat mehrere Säle mit Gips
abgüssen der hervorragendsten Werke und in der Bildergalerie eine Sammlung
der bekanntesten amerikanischen Bilder. Bryn Mawr giebt jährlich 12 000 M.
für Erweiterung seiner Bibliothek aus, also mehr als in Deutschland für eine
Universitätsbibliothek vielleicht ausgegeben wird. Um ein Gegengewicht gegen den
schädigenden Einfluß der geistigen Arbeit zu schaffen, hat man überall Turnanstalten
eingerichtet; beim Eintritt erfolgt eine ärztliche Untersuchung, beginnende körperliche
Verbildungen werden sofort durch heilgymnastische Übungen bekämpft. Spiele,
Rudern, Schwimmen, Eissport sind natürlich hoch geschätzt.
Wenn man nun glauben möchte, die Vertrerer der höheren Bildung wären
in Amerika nach Bezahlung und gesellschaftlicher Stellung gut versehen, so würde
man sehr irren. Im Lande des Dollars kann der Mann anderwärts viel leichter
etwas verdienen als durch geistige Arbeit, und deshalb wird deren Pflege meist
der Frauenwelt überlassen; ähnlich ist es auch auf dem weiten Gebiet der
sozialen Arbeit.
Die meisten Schülerinnen der Hochschulen kehren nach Vollendung ihrer
Studien in ihre Familien zurück, weil sie eben als Hauptzweck eine möglichst
weitgehende geistige Bildung für sich erstrebten. In den ersten zwei Jahren muß
sich jede Studentin zwei Fächer zum Hauptstudium wählen, um dieselben gründlich
kennen zu lernen, zur Erweiterung und Ergänzung treten dann ausländische
Litteratur, Naturwissenschaft und Philosophie hinzu. Daß es sonst an einem
außerordentlich gelehrten Apparat nicht fehlt, zeigt ein Blick in das Vorlesungs
verzeichnis von Bryn Mawr:

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