Der Einfluß der Kultur auf die Entwicklung unserer Muttersprache. 31
gordischen Knoten, attischem Salz, Grazien u. s. w. Man liebte
Redewendungen wie den Rubikon überschreiten, einen Augiasstall
reinigen, eine Schlange am Busen nähren, ein 1 für ein U (X
für V — 10 für 5) machen, Eulen nach Athen tragen, das
Schwert in die Wagschale werfen, nach der Palme des Sieges
ringen, den Lorbeer verleihen u. s. w. Damit bekundete man seine
„klassische" Bildung. Von dem schädlichsten Einfluß war der langstielige, wenn
auch künstliche Satzbau der lateinischen Sprache, der im Juristen- und Bureau-
kratendeutsch noch heute die wunderlichsten Blüten treibt.
Luther, dieser kerndeutsche Mann trotz seiner klassischen und kirchlichen
Bildung, war, wie er selbst gesteht, redlich bemüht, den Leuten „aufs Maul zu
sehen". Seine Sprache ist einfach, kindlich unbefangen, dabei doch kräftig und
markig, urdeutsch und jedem verständlich. Man hat Luther den Schöpfer der
neuhochdeutschen Sprache genannt. Aber so unendlich weitgehend auch die
Sprache der Lutherbibel, seiner Kirchenlieder, des Katechismus u. s. w. war, den
von den Humanisten angerichteten Schaden konnte sie nicht beseitigen, zumal noch
das römische Recht in Deutschland festen Fuß gefaßt hatte.
Auf die Zeit der Renaissance kam die Zeit des Barockstils. Prunk
und Üppigkeit in Sitte und Lebensweise, unbegrenzte Fürstenmacht und wider
liche Schmeichelei und Ersterben in Höflichkeit prägen sich dem Stil auf. Die
gräßlichen Geschmacklosigkeiten der zweiten schlesischen Dichterschule,
„das bis zu förmlicher Weißbinderei gemachte Buntmalen durch grelle Epi
theta"/) gehören hierher. Der Mond ist der Sonne Kammermagd, der Ochs
der Kühe lieber Mann, die Zunge des Mundes Zimbel. Daneben war eine
große Vorliebe für das Französische, das Spanische und Italienische getreten.
Das „altfränkische" Deutsch wich einem Gemengsel aus allen möglichen Sprachen.
Eine Probe:
Reverierte Dame, Phönix meiner Ame (ume),
Gebt mir Audienz.
Eurer Gunst Meriten machen zu Falliten
Meine Patienz.
Ach, ich admiriere und consideriere
Eure Violenz.
An Stelle des einfachen Du trat das romanische Ihr, das bald infolge
Nachahmung des frz. Non8i6ur durch das steife Er verdrängt wurde, das man
wiederum in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts in den Plural (Sie) setzte.
In der Rokoko zeit war die Form zwar zierlicher, aber unnatürlich und
gemacht. Galant und artig, zärtlich und scherzhaft, ergötzte man sich
durch Tändeleien, bis endlich mit Lessing die deutsche Sprache alles Welsche
*) Vilmar a. a. O., S. 356.

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