Rundschau.
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mit dem Kopfe, sondern mit dem Herzen. Was Gesetzgebung und
Verwaltung auf diesem Gebiete innerhalb des letzten Jahrzehnts erreicht haben,
ist nicht zum geringsten Teile seine That und sein Verdienst. Besonders bleibt
die preußische Lehrerschaft, für deren Bildung und Wohlfahrt er un
ablässigbesorgtwar, ihm zum Danke verpflichtet. Noch seine letzte größere
Arbeit im Kultusministerium galt der Neuordnung des Lehrer-
bildungs- und Prüfungswesens. Seine Wirksamkeit blieb nicht auf
den Kreis amtlicher Pflichten beschränkt. Die genaue Kenntnis der politischen und
kulturellen Verhältnisse unserer Ostmarken kam den Aufgaben der Ansiedelungs
kommission, deren Mitglied er war, zu gute. Er gehörte dem Zentralausschuß
vom Roten Kreuz an und war bei der Neuorganisation der Genossenschaft
freiwilliger Krankenpfleger im Kriege an leitender Stelle beteiligt. Nachhaltige
Förderung verdanken ihm auch der Lette-Verein und das Viktoria-Lyceum. Groß
ist die Zahl derer, denen die stets hilfsbereite Güte seines Herzens, die der
überlegenen Kraft seines Geistes gleichkam, Wohlthaten gespendet hat. Unerwartet
schnell ist Dr. Kügler an der Schwelle seines neuen Amtes vom Tode ereilt
worden. Er hatte sich gewöhnt, erst in letzter Reihe an sich zu denken, und der
Unermüdliche war in seiner Widerstandskraft durch die langjährige Arbeitslast
gebrochen: „patriae inserviendo consumptus.“ („Im Dienste des Vater
landes verbraucht.")
Die deutsche Lchrerversammlung tagte in der diesjährigen Pfingst-
woche in Chemnitz. Von den dort gehaltenen Vorträgen zieht wohl der erste
vor allem unser Interesse auf sich. Professor Dr. Rehmke aus Greifs
wald sprach über das Thema: „Universität und Volksschullehrer."
Er kennzeichnete zunächst die Eigenart der Universität. Dieselbe sei keine Berufs
schule, sie bezwecke vielmehr Lehre und Pflege der Wissenschaft und sei nur eine
wissenschaftliche Vorbereitungsanstalt zu gewissen Berufsarten. Deshalb müsse
dem Lehrer wie dem Hörer volle Freiheit gewährt werden, dem ersteren in der
Darbietung, dem letzteren in der prüfenden Aufnahme. — Das Recht auf diese
Freiheit werde auf den sogenannten „höheren Schulen" erworben. Redner prüfte
nun in sehr weitherziger und allen Lehrern gewiß hochwillkommener Weise das
Recht der Seminarabiturienten auf die akademische Bildung. Mit besonderer
Rücksichtnahme auf den Kieler Erlaß (20. Nov. 1900), durch welchen für
Preußen die Gymnasien, Realgymnasien und Oberrealschulen als gleichwertige
Vorbildungsanstalten für das Universitätsstudium erklärt werden, zeigte er, daß
auch das Seminar nach seinem Lehrplane als „höhere Schule" bezeichnet werden
müsse, daß also die Abgangszeugnisse der Seminare „Freibriefe für den Be
such der Universität" seien. Doch stellte er der Gleichwertigkeit die
Gleichberechtigung gegenüber. Die letztere sprach er den Seminaristen ab:
sie hätten wohl den Schlüssel zum Universitätsgebäude, aber nicht, wie die
Gymnasiasten, die Schlüssel zu allen Räumen desselben. Ihnen stehe nur das
Fachzimmer für die mathematisch-naturwissenschaftlichen und die philosophischen
Studien offen. Den letzteren legte er mit Rücksicht auf die berufliche Thätigkeit
des Lehrers sehr hohe Bedeutung bei. — Sehr wichtig war die Feststellung,
daß die akademische Bildung keine notwendige Ergänzung der Seminar
bildung sei. Für den aber, der eine leitende Stellung einnehmen wolle,
sei es wichtig, daß er sich eine wissenschaftliche Bildung, die zu seinem

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