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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
Berufe gehöre, erwerbe. Die könne ja freilich auch, wie es bisher geschehen,
durch Privatstudium erlangt werden.
Für manchen war es gewiß überraschend, daß der Kreis der dem Lehrer
angemessenen Studien so beschränkt wurde. Besonders befremdlich war die be
stimmte Ablehnung „besonderer Lehrstühle für Pädagogik und besonderer pädago
gischer Seminare an den Universitäten," wie sie 1898 in Breslau gefordert
worden waren. Die Universität soll doch kein Lehrerseminar erster
Güte sein. Die Pädagogik komme bei dem philosophischen Studium voll zu
ihrem Recht.
Der vorstehend gegebene Umriß der Hauptgedanken des so außerordentlich
reichen Bortrages wird gezeigt haben, daß der Redner seinen Weg mit großer
Sicherheit und Selbständigkeit mitten durch den Wald der über diese Frage be
stehenden Ansichten nahm, daß er — und darüber kann der ihm von der Ver
sammlung gespendete lebhafte Beifall nicht hinwegtäuschen — sich in bestimmten
Gegensatz zu dem Teil der Lehrerschaft stellte, der für die Lehrerbildung die
Stichworte: „Höhere Schule — Universität" ausgegeben hat. daß er aber auch
mit seinen näheren Berufsgenossen, wie den Professoren Willmann, Rein und
Paulsen, wenig übereinstimmt.')
In dem zweiten Vortrag über die „Bedeutung der Volksbildung
für die Volkssittlichkeit" suchte der Redner, Lehrer Pretzel aus
Berlin, zu zeigen, daß die Statistik die Abhängigkeit der Sittlichkeit von
der Bildung beweise, daß auch die Psychologie dieselbelehre. Er forderte des
halb, daß die Volksbildung noch über die Volksschule hinaus durch Fortbildungs
schulen für Knaben und Mädchen, sowie durch andere volksbildende Einrichtungen,
wie Büchereien, Lesehallen, Unterhaltungsabende, Vorträge, Konzerte gefördert werde.
Am zweiten Tage sprach Hauptlehrer Wolgast aus Hamburg über
„die Bedeutung der Kunst für die Erziehung." Er behandelte
seinen Gegenstand, wie zu erwarten war, in umfassender Weise. Er forderte,
daß die höheren Sinne der Schüler ausgebildet würden, daß zur Erfastung des
Charakteristischen angeleitet, daß der Sinn für einfache Zweckmäßigkeit, für die
Echtheit des Materials und für Ehrlichkeit der Verzierung gepflegt werde. Ins
besondere wies er dem Seminare hinsichtlich der ästhetischen Bildung höhere
Aufgaben zu. Doch fand die Behauptung, daß die künstlerische Erziehung der
intellektuellen und moralischen gleichberechtigt sei. mit Recht lebhaften Widerspruch.
Vielleicht war es dieser Überspannung zuzuschreiben, daß trotz des großen Beifalls
die Thesen des Redners nicht angenommen, sondern durch die ziemlich lahme Er
klärung ersetzt wurden, daß man zwar die kunstpädagogischen Bestrebungen be
grüße, aber die Probleme noch nicht für genügend geklärt erachte, um darüber
Beschlüsse zu fassen.
Der letzte Vortrag: Wie stellen wir uns zur Einführung des
Haushaltungsunterrichts in den Lehrplan der Mädchenschulen
(Lehrer F. Wolgast in Kiel) führte zu einer energischen Ablehnung
dieses Unterrichtsgegenstandes.
9 Auf diese Gegensätze gedenken wir demnächst zurückzukommen.

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