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I. Abteilung. Abhandlungen.
als Pfarrer in dem Flecken Münchingen bei Stuttgart) verstand sich auf die
Lösung der sogenannten socialen Frage, wie sie ihm zu seiner Zeit vorlag, in
so vortrefflicher Weise, daß wir noch heute von ihm ganz außerordentlich viel
lernen können, wenn das Problem sich auch heute noch etwas schwieriger gestaltet
hat. Die wirksamsten Mittel zur Lösung dieser hochwichtigen Frage bleiben
schließlich doch immer dieselben. Im letzten Grunde ist die sociale Frage doch immer
eine ethische Frage. Sehr richtig hat man gesagt, daß wirtschaftlicher Fortschritt
nicht der erste, geschweige denn der einzige Faktor in der Entwicklung der
Menschheit ist, sittliche und intellektuelle Vervollkommnung das höhere Princip
bleibt. Daher brauchen wir denn auch vor allen Dingen eindringliche Arbeit an
den Herzen der Menschen und am eigenen Selbst auf der einzig sicheren und
haltbaren Grundlage, welche die Musterarbeit des Herzenskündigers uns Menschen
geschaffen hat. Darum können uns auch heute noch diejenigen helfen, welche auf
dem social-ethischen Gebiete Meister gewesen sind, ob sie selbst schon längst nicht
mehr unter uns weilen. Ihre Werke zeugen von ihnen. Sind sie wirklich
Meister gewesen, nicht in eiteler menschlicher Wort- und Systemklauberei, die
verweht im Sturme der Zeiten, wie die Spreu vor dem Winde, sondern in
Werken praktisch-christlicher Liebesthätigkeit, so zeugen diese Werke laut für sie
und bilden einen unerschöpflichen Schatz, der auch den späteren Geschlechtern noch
vollwertige Zinsen trägt. Hat man mir doch von glaubwürdiger Seite aus
Münchingen geschrieben, daß noch heute die segensreichen Spuren der Wirksamkeit
Flattichs, des Geistes, den er seiner Gemeinde aufgeprägt, deutlich erkennbar sind
und fortwirken, obwohl man nicht einmal die Stätte seines Grabes kennt.
Glücklicherweise hat der vortreffliche Volkslehrer über seine Thätigkeit und seine
Erfahrungen Aufzeichnungen hinterlassen, so daß wir uns eingehender orientieren
können. Bei näherer Prüfung ergiebt sich, daß er im Grunde genommen
nichts anderes gethan hat, als was auch in unserer neuesten Zeit gewiegte Kenner
unserer socialen Verhältnisse verlangen. So berührt sich in der Kernfrage mit
ihm der Realgymnasialdirektor Professor Dr. Fis ch er - Wiesbaden. In seinem
vorzüglich geschriebenen Buche: „Grundzüge einer Socialpädagogik
und Socialpolitik" (Eisenach 1892) kommt dieser zu dem Ergebnis, daß
das Lebensprinzip unseres Zeitgeistes „die rücksichtsloseste Selbstsucht" ist, denn
jeder sucht nur das Seine, und er weiß, nachdem er alle bisher in Anwendung
gebrachten Gegenmittel auf ihren Erfolg geprüft hat und zu einem wenig erfreu
lichen Resultate gekommen ist, nur ein einziges gründliches Heilmittel anzuführen:
„Gegen ein solch satanisches Lebensprinzip kann nur das göttliche
Lebensprinzip helfen, und das ist kein anderes als die Liebe." „Dieses
Lebensprinzip der Liebe gilt es wieder in dieser Welt der Selbstsucht
und des Unfriedens in uns, in unseren Zöglingen einzupflanzen, oder alles wird
Flickwerk, dessen Haltbarkeit zweifelhaft bleibt. Je mehr wir uns mit Liebe

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