Vom täglichen Brot für die Jugenderziehung. 319
erfüllen, desto mehr werden wir die Wahrheit des Goetheschen Wortes erfahren:
»Man lernt von dem, den man liebt." Und wie erlangen wir die Liebe?
Indem wir die Werke der Liebe thun gegen alle Bedürftige, seien sie auch Un
würdige — wie würdig sind wir selbst? — indem wir uns in Gottes Wesen
versenken, das ja die Liebe ist, und uns in seine Liebe vertiefen. Dann erhalten
wir die Liebe, dieses Lebensprincip, welches ist das „Band der Vollkommen
heiten." — Hören wir noch einen anderen erfahrenen Kenner der Menschennatur
und der socialen Verhältnisie, den Berner Professor Ür. Hilty; er ist zu der
gleichen Erkenntnis gekommen, daß man einen starken Einfluß auf die Menschen
nur auf dem Wege wirklich uneigennütziger Menschenliebe gewinnen kann (vgl.
seine Schrift: „Glück" 2. Teil 1897, S. 80 bez. S. 132): „Das richtige
Verhältnis zu den Menschen und die Freude an ihnen ohne egoistische Hinter
gedanken entsteht nur durch die göttliche Liebe. Der natürliche Mensch fürchtet
den Nebenmenschen und liebt ihn nur entweder aus egoistischen Ursachen oder
auf Gegenseitigkeit." „Das letzte Wort der Menschenkenntnis muß Liebe zu
allen sein." Der vorbildliche Typus für alle nach dieser Vollkommenheit Stre
benden ist Christus. Nur durch seine Aufnahme in unser Herz kommt es zur
rechten Lebensfreudigkeit, und wird es uns möglich, unseren Mitmenschen zu einem
rechten Segen zu werden. Auch der einsichtsvolle Menschenkenner und Menschen
freund aus Münchingen kennt kein anderes durchschlagendes Besserungsmittel für
die Menschen und die menschlichen Lebensverhältnisse als die Liebe. Alles äußere
Gesetzeswerk trägt den Keim der Hinfälligkeit in sich selbst und hilft auf die
Dauer nichts. „Die Liebe bessert," das ist das A und O aller seiner
Lehren und Bethätigungen innerhalb des menschlichen Gemeinschaftskreises, in
welchen er gestellt war.
„Es ist zwar ein Sprichwort," sagt er in seinen Betrachtungen, „daß das
Böse bestraft sein muß; aber es ist nicht nach Gottes Wort. Deswegen findet
man, daß aus dem Zuchthause noch keiner besser herausgekommen ist. Wenn die
Strafen besserten, so würde man im Zuchthause besser werden; aber die Liebe
bessert. Wer sein Kind oder andere bessern will, der muß sich auf die Liebe
legen."
An einer andern Stelle sagt er:
„Die Quelle des Lebens ist im Herzen zu suchen und nicht im Gehirn.
Man findet daher auch, daß alle Vorstellungen, die durch den Verstand gehen,
ganz unkräftig sind, wenn das Herz von etwas recht eingenommen ist. Daher
denn der Geist Gottes in der Heiligen Schrift so viel von dem Herzen redet,
worin das Gewissen und die Affekte ihren Sitz haben, hingegen die Philosophie
einzig und allein auf den Verstand dringt, weil er sich deutlich erklären läßt.
Wie man sich in Ansehung des Herzens zu verhalten hat, kann man am besten
aus Gottes Wort kennen lernen, während solches in der Philosophie noch ein
dunkeles Wort ist."
Dabei war unser Menschenfreund aber kein weichlicher Gefühlsschwärmer
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