Vom täglichen Brot für die Jugenderziehung. 321
Schnupfen lassen, lasset Ihr von der Trunkenheit!" Mit dem Schnupfen des
Pfarrers war es fortan vorbei. Das ist praktische Socialpädagogik, die ihres
Eindrucks nimmer verfehlt. Das kann man eine Erläuterung der Forderung
nennen: „Überwindung der egoistischen Individualität durch den sittlichen Socialis
mus." So suchte dieser Münchinger Menschenfreund die Alkoholfrage in kleinem
Stile zu lösen, und nur so kann sie auch im großen Stile von den menschlichen
Gemeinschaften gelöst werden. Sinnesänderung im einzelnen und Änderung der
gesellschaftlichen Anschauungen heißt es hier wie in manchen anderen Dingen.
Auf allen Gebieten des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens zeigte
sich Flattich als ein geradezu mustergültiger social-ethischer Praktiker. Für die,
welche harten Herzens über dem Mammon halten, hat seine Lebensführung
manchen schönen socialen Zug zum Nachdenken und zur Nachachtung aufzuweisen.
Flattich war kein mit irdischen Gütern gesegneter Mann; er hatte es auch ver
schmäht, eine reiche Mitgift zu erheiraten, vielmehr, wie er ausdrücklich hervor
hebt, sich vorgenommen, bei seiner Heirat aus kein Vermögen und sonst nichts zu
sehen, damit er ganz nach seiner Neigung heiraten könne. Die Wahl seines
Herzens war auf eine arme verwaiste Pfarrerstochter gefallen. Als einige weltlich
gesinnte Leute meinten, er hätte ein reicheres Mädchen heiraten können, wies er sie
einfach mit den Worten ab: „Wenn ich mich behelfen und mit Wassersuppe vor
lieb nehmen will, so geht es niemanden etwas au!" Die inneren Vorzüge seiner
Auserwählten wogen ihm den größten Reichtum auf. Seine Ehe war eine
sehr friedliche und überaus glückliche. Zum Zwist konnte es bei einem Ehe
mann kaum kommen, der zu seiner Frau öfter zu sagen pflegte: „Weil ich dich
genommen habe, so muß ich dich jetzt haben, und weil ich dich haben muß, so
will ich dich gerne haben." Ein schöneres Zeugnis kann kein Ehemann seiner
Ehefrau ausstellen, als Flattich der seinigen bei deren Tode nach fast dreißig
jähriger Ehe:
„Eine Ehegattin, welche für ihren Ehemann treulich besorgt war, eine
Mutter von 14 Kindern, wovon 8 gestorben und 6 noch leben; eine Stief
mutter von mehr als 200 jungen Leuten, welche sie seit 30 Jahren in der Kost
und Information (Pension) ihres Mannes treulich verpflegte; eine Hausfrau,
welche Mägde und Tagelöhnerinnen ohne Herrschsucht mit Liebe und Sanftmut
behandelt; eine Pfarrerin, welche nicht herrschsüchtig und eigennützig war, sondern
in Gottesdienst, Demut, anhaltender Arbeit und anderen Tugenden der Gemeinde
ein gutes Exempel gab, eine Gutthäterin, die sich's sauer werden ließ, um Gutes
thun zu können, und die es für seliger hielt, zu geben als zu nehmen; eine
Kreuzesträgerin, welche von Kindheit auf durch ihren Waisenstand, durch viele
Geburten, durch kränkliche und sterbende Kinder, durch eine schwächliche Leibes
konstitution und manche harte Krankheiten, durch eine immerwährende weitläufige
Haushaltung, welche fast niemals unter 20 Personen war, bewährt wurde; eine
Überwinderin, welche tm Glauben und Geduld auch bei den sechstägigen heftigen
Schmerzen gestorben."

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