322
I. Abteilung. Abhandlungen.
Das war die rechte Frau, die er für seine Wirksamkeit und Lebensführung
brauchen konnte. In dieser befleißigte er sich zu Nutz und Frommen seiner selbst
wie seiner Mitmenschen der größten Einfachheit und Genügsamkeit. So gering
in anbetracht seiner starken Familie das Einkommen seines Amtes wie seiner
Pensionsanstalt war, er hat niemals Mangel gelitten, und immer gehabt, zu
geben den Dürftigen. Zu seinem und seiner Frau Wahlspruch hatte er sich
diesen erkoren: Geben ist seliger als nehmen. Wie ernst er es mit diesem Wahl
spruch nahm, zeigt folgender Vorfall. In Stuttgart hatte er einen Verwandten
wohnen; dieser teilte ihm einstmals mit, er möge zu dem Herrn Präsidenten
Georgii sich nach Stuttgart begeben, da dieser von ihm viel gehört habe und
ihn näher kennen zu lernen wünsche; er solle aber etwas besser gekleidet erscheinen,
damit nicht etwa der Herr Präsident einen Anstoß an seiner geringen Kleidung
nehme. Flattich gab zwar niemals viel auf nebensächliche Äußerlichkeiten, auf
welche die Wellleute ein so großes Gewicht legen, aber er ließ sich's doch ge
sagt sein. Die ihm den Haushalt führende Tochter gab ihm 30 Gulden mit,
damit er sich in Stuttgart einen guten Anzug beschaffe. Unweit des Dorfes
Feuerbach traf er eine Frau an, die unter bitterlichem Weinen einen Grasrain
abmähte. Teilnehmend erkundigte sich der Münchinger Menschenfreund: „Was
fehlt Ihr denn?" Einen Augenblick betrachtete das Weib den unbekannten, ärmlich
gekleideten Wanderer, dann wies sie ihn jammernd ab: „Ach, Er kann mir doch
nicht helfen!" Indessen Flattich ließ sich nicht erbittern; er sah, daß große
Herzensnot das Weib drückte. Schließlich brachte er die Frau denn auch herum,
daß sie ihm ihr Elend erzählte: Ihr Mann habe sich das Trinken angewöhnt
und bereits einen Acker nach dem anderen verkauft; jetzt sei es zum äußersten
gekommen; der Schultheiß wolle auf Antrag von Gläubigern ihnen ihre Kuh,
ihr Letztes, was sie noch hätten, verkaufen; wenn das geschähe, würden sie bettel
arm sein. Und groß sei die Schuld, 30 Gulden; die könnten sie nimmer auf
bringen. Stracks zieht Flattich seine 30 Gulden aus der Tasche und will sie
der betrübten Frau geben. Diese aber wagt das Geld nicht zu nehmen, denn
sie seien gar zu arm geworden; der Schultheiß werde sicherlich glauben, daß
sie das Geld gestohlen hätte, und dann würde ihr Los noch viel schlimmer
werden. Diese Besorgnis wußte jedoch unser Menschenfreund zu beschwichtigen.
Nachdem er noch ihren Glauben gestärkt, indem er sie ermahnt, Gott für die
Errettung aus der Not zu danken, und fernerweit in gläubigem Vertrauen zu
ihm sich zu halten, Geduld mit ihrem Manne zu haben und ihn in ihrem
Gebete vor Gott zu bringen, fügt er vorausschauenden Geistes hinzu, sie möge
ihm nur glauben, ihr Mann werde nun nicht mehr trinken, und eilt frohen
Herzens nach Stuttgart. Hier entleiht er bei seinem Verwandten zu einem Rock
kauf 8 Gulden und begiebt sich dann zur Audienz bei dem Herrn Präsidenten.
Trefflich weiß er von seinen Erfahrungen zu erzählen, die er in der Familie wie

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.