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I. Abteilung. Abhandlungen.
der wohl schon den Anzug einiger Weinseligkeit bemerkt haben mochte, meinte in
seiner humorvollen und gesalzenen Weise:
„Do Han i do jetzund! Das ist noch nicht die größte Gefahr; noch eine
andere größere droht nach dem letzten reichlichen Herbst (Weinernte). Denn es
sind schon viel mehr Menschen im Weinglase als im Wasserwirbel ertrunken."
Ein Feind aller Halbheit, alles Scheinwesens und aller Heuchelei, zog er
einmal gegen einen Münchinger Bürger zu Felde. Dieser befleißigte sich zwar
des äußerlichen Kirchengehens, doch bemerkte Flattich, daß er keine seiner welt
lichen Untugenden abzulegen sich bemühte. Er lud ihn nun einstmals zum Be
suche ein und machte ihm ein Geschenk mit einem besonders zu diesem Zwecke
gekauften Paar neuer Schuhe. Auf das Erstaunen des Empfängers erklärte ihm
Flattich die Sache also: „Do han i do jetzund! Das ist, weil ihr so fleißig in
die Kirche gehet!" Als er sich nun über diese ehrenvolle Beurteilung seiner werten
Persönlichkeit sehr geschmeichelt und geehrt zu fühlen begann, setzte der Seelsorger
noch weiter hinzu:
„Es ist nur, damit ihr nicht in allen Teilen zu Schaden kommt; Nutzen
für Herz und Wandel nehmt ihr doch nicht aus der Kirche mit heim. Darum
hab' ich gedacht, ich wolle euch wenigstens ein paar Schuhe ersetzen, da ihr bei
eurem vergeblichen Kirchengehen wohl schon manche zerrissen habt."
Diese erziehliche Maßregel führt uns auf das Gebiet der Pädagogik hin
über. auf welchem Flattich zu den größten Meistern gehört, welche gelebt haben.
Seine Menschenkenntnis, seine Lebensauffassung und Lebensführung befähigten
ihn in ganz hervorragender Weise zum Erzieher der Jugend.
Für die richtige Abwicklung des Erziehungsgeschäftes kommt es hauptsächlich
auf zwei Faktoren an: auf die richtige Erkenntnis des Wortes Gottes und eine
gründliche Beobachtung der Gesetze menschlicher Geistesthätigkeit, so zwav. daß in
jedem Falle die menschliche Empirie der ewigen Wahrheit des göttlichen Wortes,
wie sie in dem größten Kenner des menschlichen Wesens, dem größten Erzieher
und socialen Wohlthäter des Menschengeschlechtes, in Christo Jesu, Gestalt ge
wonnen hat, untergeordnet und nötigenfalls an derselben zu rektifizieren ist.
Wie unseres größten Vorbildes ist auch Flattichs Standpunkt der social
ethische. Der Mensch ist ein sociales Wesen, er lebt nicht sich selbst, sondern
daß er den anderen diene, die Wohlfahrt der Mitmenschen befördere. Gott hat
einem den Verstand nicht für sich selbst, sondern für andere gegeben, sagt Flattich.
Daher will er selbst denn auch diese Gottesgabe benutzen, um Einsicht in den
gemeinen Stand (der einfachen, gewöhnlichen Leute) zu bekommen und nützlichen
Rat geben zu können. Denn man ist deswegen auf der Welt, damit man zu
etwas nütze sein soll. Mithin muß das unsere Freude sein, wenn uns Gott
Gaben, Kräfte und Gelegenheit giebt, daß wir zu etwas nütze sein können. Wer
in der Welt nichts nütze ist, dem kann es unmöglich wohl sein. Daher kann
es auch keinem Geizigen wohl sein, weil er nur für sich und nicht für andere

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