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I. Abteilung. Abhandlungen.
eigenen Nutzen zu leben, sondern einen größeren Kreis um sich zu versammeln
und diesem in Liebe zu dienen. So ist er schon frühe neben seinem Studium
zum Unterrichten gekommen; so hat er neben der seelsorgerischen Thätigkeit stets
auch diejenige des Lehrers und Erziehers in einem kleineren Kreise von Pensio
nären geübt.
„Ich bin froh," schreibt er einmal, „daß ich mich nicht in der Einsamkeit
aufhalten muß, sondern in meinem Hause viele Leute um mich haben darf, daß
ich mich in der Liebe üben und Freude an Menschen haben kann; wobei ich
erfahre, wenn ich nur wider einen einzigen Menschen in meinem Hause Wider
willen habe, so komme ich in ein Mißvergnügen. Wenn ich aber alle lieben
kann, so bin ich vergnügt."
Auf den eigenen Vorteil ist er niemals bedacht gewesen. Wenn man ihn
voll Verwunderung öfter gefragt hat, wie er so schwere Arbeit um so geringe
Bezahlung verrichten könne, hat er stets beruhigend gesagt, er habe den Haupt
posten nicht hinzuzuzählen vergesien: den Segen Gottes.
Auf diese Weise wurde Flattich, ein Meister in der Unterweisung der Alten,
zugleich in hervorragender Weise für die Erziehung der Jugend befähigt. Seine
Erfahrungen und Grundsätze hat er in aphoristischer Form ausgezeichnet. Was
er hier in social-ethischer Beziehung vom Verhältnis des Lehrmeisters zum Zög
linge sagt, paßt auf alle Meister und deren Lehrlinge.
Über die Stellung, welche er in der Geschichte der Pädagogik einnimmt,
bemerken wir in Kürze noch folgendes:
Ist er auch kein Pädagoge im großen Stil gewesen, durch welchen der
Beginn einer neuen Epoche in der Erziehungsgeschichte zu bezeichnen ist, hat er
auch nicht eine Schule von Jüngern und Nachahmern begründet, auch nicht eine
hervorragende schriftstellerische Thätigkeit entfaltet, so ist er doch vom Scheitel bis
zur Sohle ein „denkender Pädagoge," infolge seiner sorgfältigen Beobachtung der
Individualität der Zöglinge und seiner feinsinnigen Beobachtungen der Äußerungen
des Seelenlebens der ersten einer gewesen, welche die Bedeutung der Psychologie
für die Pädagogik klar erkannt haben. Gelegenheit zu derartigen Beobachtungen
gab ihm seine Pensionsanstalt; in dieser befanden sich meist 12—16 Zöglinge
aus allen Ständen und von ganz ungleichem Alter, welche von Flattich erzogen
und unterrichtet wurden, und zwar zumeist mit ausgezeichnetem Erfolge. Über
diese schreibt er einmal dem berühmten Prälaten Oetinger also:
„Die Kostgänger, die ich angenommen, sind von allerlei Alter, Ständen
und Vermögensverhältnissen, auch zu allerlei Ständen gewidmet gewesen, nämlich
zu Geistlichen, Juristen, Ärzten, Soldaten, Schreibern, Kaufleuten, rc. Im Alter
waren sie öfter so ungleich, daß ich sie vom 10. Jahre durch alle Jahre bis in
das 20. beisammen hatte."
Ohne Zweifel war Flattich in Bezug auf seine erziehliche Thätigkeit infolge
seines beständigen Verkehrs mit seinen Zöglingen und der daraus resultierenden
Möglichkeit einer eingehenderen Beobachtung der Individualität weit günstiger

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