Das Universitätsstudium der Volksschullehrer.
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lehrern, die das Universitätsstudium für alle fordern, das Gefährliche ihres
Strebens auf. Er weist auf das Besondere der Volksschule hin, so sei auch
die Volksschullehrerschaft ein besonderer Stand. Wenn die Volksschule ein
fach neben die andern Schulgattungen gestellt werde ohne Berücksichtigung ihrer
Eigenart, dann komme sie natürlich auf den untersten Platz zu stehen, und
ebenso ergehe es dann den Volksschullehrern, auch wenn sie studierte Leute wären.
Warum ist denn aber die Volksschule nicht etwas Geringwertiges,
sondern eben etwas Besonderes? R. meint, die gelehrten Schulen (Latein
schulen) seien Wissensschulen, Erkenntnisschulen, die Volksschule aber sei eine
Schule der Menschenbildung, der Bewußtseinsbildung, man könne sie jenen, den
Erkenntnisschulen gegenüber, die Erziehungsschule nennen. Diese Gegenüberstellung
ist wohl recht schief; die Lehrer der höheren Schulen — letztere sind nach dem
ganzen Zusammenhange gemeint — werden sich für eine solche Kennzeichnung
und Beschränkung schön bedanken. Die höheren Schulen sollten gerade so gut
Erziehungsschulen sein, wie die Volksschule; wenn die letztere ihnen darin voraus
ist, so dürfte sie doch wenig Grund haben, sich dessen zu rühmen. Dennoch
scheint es uns, als habe der Redner recht gehabt mit seiner Behauptung von
der Besonderheit der Volksschule und der Volksschullehrer im Gegensatz zur
Geringwertigkeit derselben. Es sei nur kurz daran erinnert, daß Rektor Horn
bei den Verhandlungen über die Lehrerbildungsfrage die Mahnung aussprach, die
Volksschullehrer möchten in ihrem Streben nach Höherem sich nicht verleiten
lassen, es den höheren Lehrern in der Fortbildung auf Spezialgebieten gleichthun
zu wollen, sondern sie möchten ihr Eigengut wahren, nämlich die Beherrschung
der schulmeisterlichen Technik, die Durchdringung der ganzen unterrichtlichen
Thätigkeit vom Standpunkte der Erziehung aus. Vielleicht ist es dies, was
auch R. unklar gefühlt hat. Dazu würde auch seine Bemerkung, jeder Volks
chullehrer müsse ein kleiner Pestalozzi sein, gut stimmen. Denn schließlich ist es
nur bei der Volksschule möglich, die Schulerziehung als einen integrierenden Teil
der gesamten Volkserziehung aufzufassen und zu handhaben.
Was hat denn nun der Volksschullehrer auf der Universität zu suchen? Zu
seinem eigentlichen Berufe wird er auf dem Seminar vorgebildet; aber die
wissenschaftliche Bildung, deren derjenige bedarf, der die Schule zu leiten hat,
empfängt er auf der Universität. Über die Leitung der Schule sagte der Redner
das schöne Wort: „Die Volksschule dem Volksschullehrer; sowohl was das
Sch ul halten betrifft, als auch das -leiten!" Aber „wer die Schule leiten
will, muß, wenn ich so sagen darf, frei dastehen in seinem Beruf, frei über seine
Berufsfragen urteilen können. Und diese Freiheit giebt die wiffenschaftliche
Bildung."
Nun gilt es, ein schweres Bedenken aus dem Wege zu räumen: Ist denn
der seminarisch Gebildete für die Universität reif? Kann er von diesem Studium
denn auch den rechten Nutzen haben? Es ist bekannt, daß in den maßgebenden
Kreisen, in den Kreisen der Universitätslehrer, die Ansichten über diese Frage
geteilt sind, daß die größte Mehrzahl dieselbe wohl verneint. Und wenn nmn
dem entgegen hallen möchte, daß doch nur die wenigsten dieser Leute die
Seminarbildung näher kennen, so ist es doch bedenklich, daß unter den ab
lehnend Antwortenden Freunde der Volksschullehrer sind. Doch scheint es, als
ob die Zustimmenden sich mehrten. Wir gedenken nachher gerade darauf bezüg
liche Äußerungen mitzuteilen.
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