Die sittliche Bedeutung des modernen Bildungssirebens.
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erörtert sehen, ob denn überhaupt die Ehe ein einer freien Persönlichkeit würdiges Ver
hältnis sei. Es sind nicht nur frivole Weltmenschen, welche diese Frage auswerfen —
wenn sie auch von den Überzeugungen, die einst zum Mönchtum geführt haben, sehr weit
entfernt sind. Dennoch vermag ich in diesen Erwägungen nur das Symptom einer
ebenso unevangelischen wie antisozialen Stimmung zu erkennen, die höchst unerfreuliche
Äußerung eines Egoismus, der dadurch nicht wertvoller wird, daß er auch mit dem
Bildungsstreben sich verbindet. Die ruchlosen Versuche aber, die Grundfesten der Gesell
schaft an diesem Punkte zu sprengen und offen die Ehe verächtlich zu macken — es giebt
leider schon eine ganze Litteratur darüber, eine „schöne" Litteratur —, lasie ich grund
sätzlich beiseite.
Die gefährliche Gleichmacherei zeigt sich indesien nicht etwa nur in bestimmten Er
scheinungen der Frauenbewegung und des sexuellen Problems: sie ist auch sonst zu be
merken. Was man ihr entgegenzusetzen hat. das will ich an der Charakteristik darthun,
die einst Mommsen in einer wundervollen Rede von Kaiser Wilhelm I. gegeben hat.
Er sagt: „Kaiser Wilhelm war, was der rechte Mann sein soll, ein Fachmann. Eine
bestimmte Disziplin beherrschte er vollständig: seinem hohen Berufe entsprechend lebte
und webte er in der Theorie wie der Praxis der Militärwisienschaft. Es werden nicht
Viele sein, die ihre Jünglings- und Mannesjahre mit solchem Ernst wie er ihrer
Wissenschaft gewidmet haben. Also war er kein Dilettant. Er wußte sich am Schönen
zu erfreuen und ist der Erörterung wissenschaftlicher Fragen oft und gern gefolgt."
Hier ist das Element genannt, welches der Gleichmacherei entgegenzusetzen ist. Fach
bildung muß zuerst geboten werden, und sie muß der Ausgangs- und Anknüpfungspunkt
für alle fortschreitende Bildung sein: in konzentrischen, immer weiteren Kreisen hat sie sich
an jene anzuschließen. So wird der Dilettantimus, der die Folge aller Gleichmacherei
ist, abgewehrt und zugleich jene Ehrfurcht vor der Wiffenschaft erzeugt, die aufgeschlossen
und bescheiden zugleich macht.
Aber noch eine dritte Gefahr ist ins Auge zu fasten, und sie entspringt aus dem
besonderen Charakter des modernen Bildungssirebens als eines Strebens nach
Erkenntnis des Wirklichen. In diesem Streben liegt ein hohes Gut, aber wenn
mit ihm nicht eine starke sittliche Bildung verbunden ist, so wird es schädlich. Goethe
sagt einmal von einem seiner Freunde, daß er mehr Talent und Wissen habe als er
nach dem Maß seiner Charakterstärke ertragen könne, und an einer anderen Stelle spricht
er das tiefe Wort aus: „Alles, was unseren Geist befreit, ohne uns die Herrschaft über
uns selbst zu geben, ist verderblich." Kurz und schlagend ist hier formuliert, worauf es
ankommt: die Aufgabe aber, die damit unserem Bildungsbetriebe gestellt ist, ist die
ernsteste. Wir sollen misten, daß wir mit allen unseren vortrefflichen Einrichtungen zur
Verbreitung der Kenntnisse und der Wiffenschaft nur erst die Hälfte unserer Aufgabe, ja
nicht einmal die Hälfte, geleistet haben. Wenn wir es nicht vermögen, aus den sittlichen
Zustand derer, die wir unterrichten, einzuwirken, so betreiben wir eine gefährliche Sache.
Gewiß liegt in einem ernsten Wahrheitsstreben und in der Beschäftigung mit der Wiffen
schaft selbst schon ein hohes sittliches Element, aber es muß auch hervorgeholt und dem
Hörenden zur Darstellung gebracht werden. Es ist vor Allem die Persönlichkeit des
Lehrenden selbst, die von der sittlichen Kraft der Wahrheit gestählt sein und einen Ein
druck von ihr hevorrufen muß; denn auf jeder Stufe des Unterrichts, auch auf den
höheren, ist die Persönlichkeit des Lehrers von entscheidender Bedeutung. Lernen können
wir alles Mögliche aus Büchern und aus unpersönlichen Überlieferungen, gebildet
werden können wir nur durch Bildner, durch Persönlichkeiten, deren Kraft und Leben
uns ergreift. Daß aber in dieser Hinsicht der gegenwärtige Betrieb der Bildung Vieles
zu wünschen übrig läßt, wer kann das leugnen? Zu dem heutigen Betriebe der Wissen
schaft muß die volle hoffende, liebende sittlich starke, glaubende Persönlichkeit hinzutreten,
reifer ausgebildet und lebendiger als je früher. An ihr muß es den Schülern deutlich
werden, daß alle tiefere Bildung Umbildung ist, schmerzliche, aber befreiende Um
bildung: es muß etwas Altes untergehen und etwas Neues wachsen und werden.
Im engsten Zusammenhange damit steht noch ein Anderes, und es ist die Haupt
sache: alle wahre Bildung strömt aus der Quelle einer geschloffenen Weltanschauung
und hat schließlich nur soviel Wert als sie eine solche ausbaut. Eine geschlossene Welt
anschauung kann aber nur eine idealistische sein, d. h sie muß in der Überzeugung
wurzeln, daß der Wert des persönlichen Lebens und die sittliche Selbstgewißheit allem
bloß Naturhaften übergeordnet ist und daß wir. wie wir in Gott leben und weben, so
auch ihm Rechenschaft schuldig sind. Aber durchdringt eine solche Weltanschauung d. h.

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