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I. Abteilung. Abhandlungen.
Weise bei Sängern und Zuhörern, bei dem Einzelnen, wie bei der Gemein-
schüft. „In den Volksliedern," sagt Heine, „liegt ein sonderbarer Zauber," und
er beruht darin, daß bei den Klängen dieser Lieder in jedem Herzen und in
jeder Brust verwandte Saiten zum Mitschwingen und Mitklingen gebracht werden.
Und wie das Gefühl dadurch mächtig und tief erregt wird, so erhält auch das
Streben und Wollen einen kräftigen Antrieb zum Guten. Das Volkslied giebt
aller Geselligkeit die Weihe und den Stempel einer höheren und reineren Freude;
es klärt und veredelt überschäumende Lebenslust und löst den Schmerz in stille
Wehmut; es weckt die Freude an der Natur und an allem Guten, Schönen
und Edlen; es belebt die Liebe zur heimatlichen Scholle und begeistert zu Liebe
und treuer Hingabe für König und Vaterland; es fördert Tugend und fromme
Sitte und hebt die Herzen der Menschen zu Gott empor.
Deshalb muß es der innige Wunsch und die vornehmste Aufgabe eines
jeden Volksfreundes sein, diesen kostbaren Schatz zu hüten und zu pflegen und
die herrlichen Früchte, welche die Sangeskunst verflossener Jahrhunderte und
unserer volkstümlichen Dichter zeitigte, dem Volke rein und unverfälscht zu
erhalten und ihm lieb und wert zu machen, und das umsomehr, als man sich
der betrübenden Wahrnehmung nicht verschließen kann, daß der Volksgesang in
unserer Zeit, im Zeitalter der Industrie und Maschinen, in der Hast und
Hetze nach Erwerb, in der Sucht nach Zerstreuung und Luxus, in beständigem
und bedenklichem Niedergänge begriffen ist und das edle Volkslied leichten, seichten
Liedern und trivialen Gassenhauern Platz machen muß. Da hat vor allem die
Schule, wenn sie auch weder für den Niedergang des edlen Volksgesanges ver
antwortlich gemacht werden kann, noch der einzige Faktor zur Hebung und Ver
breitung des Volksliedes ist, die heiligste Pflicht, alle Kräfte anzuspannen,
daß die Sangeslust des Volkes wieder geweckt und genährt werde am rechten
Quell, daß alle schlechten Lieder immer mehr verdrängt und die alten, schönen
und edlen Lieder mehr und mehr Allgemeingut des Volkes werden und bleiben
und auf die künftigen Geschlechter sich vererben.
Um dieser hohen Aufgabe gerecht zu werden, muß sich die Schule zunächst
stets vor Augen halten, daß in dem Volksliede ein doppeltes Moment liegt:
das poetisch-sprachliche und das musikalische; beide bedürfen einer
gleichmäßigen sorgfältigen Pflege, und erst in der innigen Verbindung beider
Elemente beruht die wunderbare Macht des Liedes. Das Volkslied darf daher
nicht ausschließlich als Domäne des Gesangunterrichts betrachtet werden; vielmehr
muß mit Nachdruck und Entschiedenheit gefordert werden, daß der Einübung der
Melodie in der Gesangstunde die Behandlung des Textes im deutsch-sprachlichen
Unterrichte vorausgehe. Das Volkslied hat die Wurzeln seiner Kraft in gleicher
Weise im deutschen Unterrichte wie im Gesangunterrichte, und erst die innige
Verbindung von Gesang- und Sprachunterricht wird der Schule zur Lösung der

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