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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
ein seiner Sache gewisier Glaube heute die geistigen Führer unseres Volkes? Wer kann
das behaupten ? Seit dem Untergang der Aufklärung am Anfang des 19. Jarhunderts
haben wir keine einheitliche, uns hebende und erhebende Weltanschauung mehr.
Weder die Restaurationen des kirchlichen Glaubens noch die großen idealistischen Systeme
haben eine ^solche für unser Volk zu schaffen vermocht. Dieser Zustand, der schon lange
anhält, die Glaubenslosigkeit sowohl wie die Glaubenszerrissenheit, ist der tiefste Schade
in unsrem heutigen Dasein; er ist die Ursache unserer Schwächein jeder Hinsicht, unserer
Schwäche auch gegenüber dem ^politischen Religionssystem des Katholizismus. Den
Materialismus haben wir als System so ziemlich überwunden: man kann sagen, die
Zeit und der heilende Einfluß der Natur haben diese Krankheit geheilt: aber deshalb
sind wir noch lange nicht gesund: denn eine solche Heilung schafft keine wirkliche Ge
sundheit. Es ist kein Theologe, sondern ein Gegner derselben, der Philosoph John
Stuart Mill, der in seiner Selbstbiographie folgende Worte geschrieben hat: „Wenn
die philosophischen Geister der Welt nicht länger an ihre Religion glauben oder nur
mit Modifikationen daran glauben können, welche den Charakter derselben wesentlich ver
ändern, so beginnt eine Übergangsperiode schwacher Überzeugungen, gelähmter Ver
standeskräfte, lauer Grundsätze, die kein Ende nimmt, bis eine Erneuerung bewirkt ist,
welche zur Entwicklung eines religiösen oder rein menschlichen Glaubens führt. Solange
dieser Zustand anhält, hat alles Denken und Schreiben, das nicht auf eine solche Er
neuerung hinarbeitet, sehr wenig anderen als momentanen Wert." Lasten wir „einen
rein menschlichen Glauben", rmter welchem ich mir im Gegensatz zu einem religiösen
nichts vorzustellen vermag, bei Seite, so hat Mill den gegenwärtigen Zustand und das,
was zu geschehen hat, lehr richtig beschrieben. Man erwarte ja nicht, daß der bloße
Betrieb der Einzelwissenschaften hier etwas ändern kann. Weder die Wissenschaften noch
die Wissenschaft vermag hier etwas. Zur Einkehr in die eigene Seele muß man die
Menschen aufrufen, damit sie neben den ungeheuren Wirklichkeiten, die durch die Kenntnis
der Wissenschaften auf sie eindringen, die Wirklichkeit der Wirklichkeit nicht übersehen
oder verpesten. Diese Wirklichkeit aber sind zunächst sie selbst, ihre Seele, ihr über die
Natur erhöhtes Dasein. Das ist freilich kein Wissen, sondern ein Glauben, weil es
nur als werdende und strebende Überzeugung vorhanden ist: aber es ist die Kraft alles
geistigen und schließlich auch alles sozialen Seins. „Das Charakteristische des Glaubens
ist der Antrieb zum Schaffen, das Charakteristische des Unglaubens ist die Zerstörung
der Schaffensfreudigkeit, die Leugnung des schöpferischen Berufes, das Zurückwerfen der
Menschheit auf das unmittelbare Sein und den unmittelbaren Trieb, der Überdruß an
der Vergeistigung des Daseins und endlich am Dasein selbst." Weil nun die heutige
Wissenschaft — und sie kann nicht anders — überall auf die Anfänge zurückgeht und
überall, der genetischen Methode folgend, die Tinge auf ihre primitivsten Elemente und
auf den niederen Ort, wo sie entstanden zu sein scheinen, zurückführt, so vermag sie in
der That schwache und haltlose Geister übel zu verwirren und scheint solchen, die an
ihre eigene Wertlosigkeit schon so wie so glauben, eben diese noch zu bestätigen. Dieser
Zustand ist gewiß nicht unüberwindlich — es wird die Zeit kommen, da man erkennen
wird, daß die Entwicklungen in Wahrheit wie fortgesetzte Schöpfungen wirken, in denen
neue Größen und Werte entstehen, — aber er ruft uns auf, alle unsre Kräfte anzuspannen,
um ihm zu begegnen. Nirgendwo dürfen wir es geschehen lassen, soweit es in unsern
Kräften steht, daß Wissenschaft gelehrt und Bildung verbreitet wird, ohne daß zugleich
das sittliche Selbstbewußtsein gekräftigt, die innere Zusammenfaffung der Persönlichkeit
gestärkt und das Leben mit Ewigkeilsgehalt erfüllt wird. Nirgendwo dürfen wir dies
geschehen lassen, am wenigsten aber dort, wo wir Kenntnisse über den sozialen Aufbau
und das soziale Leben verbreiten. Unter allen Parolen, die ausgegeben worden sind,
ist keine bedenklicher als die, man müsse das soziale Leben vorherrschend oder ganz aus
schließlich als wirtschaftliches betrachten und man müsse das wirtschaftliche eben nur als
wirtschaftliches ins Auge fassen. Diese Parole ist erstens bedenklich, weil sie falsch ist,
und sie ist ferner verhängnisvoll, weil sie blinden und trivialen Vorurteilen entgegen
kommt und den sittlichen Aufschwung lähmt. Die sie ausgeben in gutem Glauben,
durch diese Betrachtung die Dinge zu vereinfachen und leichter Gehör zu finden, wissen
nicht, was sie thun; zum Glück werden sie selbst durch ihr eigenes Verhalten widerlegt.
In der Tiefe aller großen sozialen Fragen und aller Erkenntnisprobleme stößt man auf
das sittliche Element und damit auf das religiöse. Vernachlässigt man sie, jo schädigt
man die Wirklichkeit der Dinge und die Menschen. Aber auch das hilft uns nichts, daß
wir etwa das Weltbild, welches uns die Kenntnis der äußeren Dinge bietet, durch allerlei

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