Das Volkslied in der Schule.
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Aufgabe verhelfen, daß die Kinder bei ihrem Austritt aus der Schule einen
Schatz guter Lieder nach Text und Melodie als freies Eigentum besitzen. Und
auf diesen Liederschatz wird unsere Schuljugend im spätern Leben oft und gern
zurückgreifen, wenn es die Schule verstanden hat, der — Gott sei Lob und
Dank — noch regen Sangeslust unserer Jugend entgegen zu kommen und ihr
reichliche Gelegenheit zur Bethätigung zu geben, wenn sie die herrlichen Lieder-
perlen zu Lieblingen der Kinder gemacht und der Jugend das Bedürfnis ein
gepflanzt hat, sich das Dasein durch Gesang zu verschönen und dadurch und
darin die vornehmste und edelste Erholung zu finden.
Damit sind die Grundlinien des Wirkens der Schule für das Volkslied
gegeben, und es bleibt nur übrig, dieselben im einzelnen näher zu bestimmen und
weiter auszuführen. Es handelt sich zunächst um die Pflege des Volks
liedes im deutschen Unterrichte. Wenn es schon ausgesprochen ist, daß
das Volkslied im deutschen Unterrichte eine wichtige Stelle einnehmen muß, so
gehe ich jetzt noch einen Schritt weiter und fordere, daß das volksmäßige Lied
bei der Auswahl der zu behandelnden und zu memorierenden Lesebuchstosfe in
erster Linie berücksichtigt und ihm der Vorrang vor allen andern Dichtungsarten
zuerkannt werde. Wenn man mir etwa entgegnen sollte, daß das Volkslied doch
der lyrischen Poesie angehöre und die Lyrik gerade für die Volksschule ein
schwieriges Gebiet sei, so entgegne ich, daß das Volkslied zu der ihm angewiesenen
hervorragenden Stelle nicht nur berechtigt ist wegen seines hohen Wertes für
Volksgesang und Volksleben, sondern auch dazu berufen und recht geeignet
erklärt werden muß wegen seiner schlichten, innigen Auffassung aller Lebens
verhältnisse, wegen seiner Anlehnung an konkrete Fälle und wegen der allgemeinen,
volkstümlichen Gefühle, die es zum Ausdruck bringt, und nicht zuletzt wegen
der schlichten, klaren, einfachen und verständlichen, von aller Absichtlichkeit und
erkünstelten Rhetorik freien Sprache.
Erfreulicherweise bieten unsere Lesebücher fast sämtlich eine reiche Auswahl
von volkstümlichen Liedern, mögen sie nun patriotischen Charakter tragen oder
Natur-, Wanderlieder u. s. w. sein. Leider aber wird dem ursprünglichen alten
Volksliede nicht in allen Lesebüchern ein gleiches Bürgerrecht zuerkannt. Außer
dem Liede vom „Schnitter Tod" und den beiden Soldatenliedern: ,,O Straß-
burg, du wunderschöne Stadt" und „Zu Straßburg auf der Schanz", die sich
allgemeines Heimatrecht in der Schule erworben haben, findet man selten ein
wirkliches Volkslied in unsern Lesebüchern. Man muß unwillkürlich fragen: Worin
liegt diese Erscheinung begründet? Da begegnet man wohl der Ansicht, daß sich
das alte Volkslied überlebt habe und längst vergessen sei. Gewiß sind viele der
Lieder, denen wir in den Volkslieder-Sammlungen, wie „des Knaben Wunder
horn", „Scheerers Jungbrunnen", „Erks Liederhort," begegnen, dem Bewußt
sein des Volkes längst entschwunden; aber es lebt doch noch ein guter Teil
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