Rundschau.
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Sollen wir die Vorschulen aufheben? über diese Frage äußerte der Leiter
des Berliner höheren Schulwesens, Stadtschulrat Dr. Vogt, etwa folgendes:
„Im Ideal ist es ganz richtig, sie aufzuheben. Es wäre dringend zu wünschen,
daß sich die gesamte heranwachsende deutsche Jugend zum mindesten doch im ersten
Jahrzehnt des Lebens auf denselben Schulbänken, auf denselben Spielplätzen
zusammenfände, und das Gefühl, einem besonderen, bevorzugten Stande an
zugehören, nicht schon in dem Herzen des sechsjährigen Kindes Wurzel schlüge.
Wir haben aber keine Mittel, die Söhne wohlhabender Eltern in die Gemeinde
schule zu zwingen, erreichen unseren Einheitszweck doch nicht; es werden dann
nur Privatschulen oder Privatzirkel wie Pilze aus der Erde emporschießen, die
noch viel weniger den gemeinbürgerlichen Sinn in dem Knaben erwecken würden.
Oder solle man dahin wirken, daß das vollendete 10. Lebensjahr als Mindest
alter für den Eintritt in die Sexta festgesetzt wird? Heutzutage, wo die Besucher
der Vollanstalten ohnehin erst um den Beginn der dreißiger Jahre herum zu
einer Lebensstellung gelangen? Vor wie nach der Reform: unsere Gemeinde
schüler treten mit ein bis zwei Semestern Verspätung in die Sexta, aber doch
nur um so ernster und gereifter, ausdauernder und willenskräftiger, und mit
diesem Mehr an Charakterentwickelung wird p mancher auf dem neunjährigen
Wege zur Reifeprüfung den voraneilenden ehemaligen Vorschüler einholen oder
überflügeln."
Über den Moralunterricht in den französischen Volksschulen
hat der Berliner Stadtschulinspektor Dr. v. Gizycki, der im Auftrage der
Stadt Berlin die Pariser Weltausstellung besuchte, einen beachtenswerten Bericht
erstattet. Darin heißt es nach der „National-Zeitung" u. a.: Viel reicher an
Glaubenssätzen als die moralische Religion ist die politische Lehre der französischen
Volksschule, und man nimmt es mit diesem politischen Bekenntnis offenbar viel
genauer als mit den Dogmen der Staatsreligion. Die Göttin, welche aus diesem
Gebiet unbeschränkte Herrschaft ausübt, heißt Da Patrie; sie hat ihre Tempel —
alle öffentlichen Gebäude, welche die Inschrift „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit"
tragen „Für sie und ihren Ruhm zu sterben ist die höchste Ehre des
jungen Franzosen." Die Hingebung an das Vaterland, welche der heranwachsenden
Generation in der Schule gepredigt wird, hat manche charakteristische Züge, welche
dem Patriotismus der andern Nationen fehlen. Nirgends, selbst in Preußen, ist
der Patriotismus so vorwiegend kriegerisch. Kaum in einem der kleinen Moral
bücher fehlen Scenen oder Erinnerungen aus dem deutsch-französischen Kriege.
Die Art, wie diese alten Wunden beständig wieder aufgeriffen werden, läßt
wenig Hoffnung auf eine baldige Heilung des verletzten Nationalstolzes. Die
beigefügten Illustrationen (wie die grausamen Prussiens wehrlose Weiber und
Kinder niederschießen rc.) prägen dem Gedächtnis der Kinder recht deutlich ein,
was sie in ihren Moralbüchern über den „Erbfeind" lesen. Das trauernde
Elsaß-Lothringen darf natürlich in keinem dieser Bücher fehlen, und im kleinen
„Laloi" lautet der letzte Spruch: „Die Zukunft der Republik ruht auf einem
jeden von Euch; wenn jeder seine Pflicht thut, wird sie stark sein, stark genug,
um uns ein glückliches Leben zu sichern und uns einst unsere Brüder wieder
zuschenken, welche wir verloren haben — unsere Brüder von Elsaß-Lothringen."
Es ist auffallend, daß vielfach gerade Männer mit deutschen Namen, geborene
Elsässer oder Lothringer (wie z. B. Jost und Bräuning in ihrem Lehrbuch) den

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