HI. Abteilung. Litterarischer Wegweiser.
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von einer unmittelbaren Übertragung in die Praxis nirgends die Rede sein könne", das
gilt von dem vorliegenden Buch in noch weit höherem Maße. Jener an und für sich
nicht zu verwerfende Grundsatz ist hier offenbar zu einem Fehler ausgeartet. Zum Be
weis dafür nur eine Probe aus den Ausführungen über den Handfertigkeitsunterricht:
„Bei einem Handfertigkeitsunterricht, wie ihn die Psychologie, also die Pädagogik fordert,
wird schon der Schüler der ersten Klaffe (d. h. hier des ersten Schuljahres) vielseitig
gebildet. Er sägt ein Brett ab, er nagelt und leimt Wände zusammen, er schnitzt, er
bohrt ein Loch, er greift nach dem Pinsel, um Fenster an die Wände zu malen, um
das Dach rot anzustreichen . . . Der Kostenpunkt, die Bereitstellung geeigneter Arbeits
räume, Herbeischaffung der Arbeitsmaterialien und Werkzeuge kümmert die Pädagogik
nichts. Sie stellt ihre Forderungen. Die Verantwortung dafür, ob sie erfüllt werden
oder nicht, tragen andere. Für die Pädagogik sind lediglich innere Gründe maß
gebend/ — Von einer gesunden Realpolitik hält der Verfasser offenbar nicht viel.
Wie sagt doch Wilhelm Raabe? „Sieh nach den Sternen und acht' auf die Gassen!"
Andrerseits möchte ich es nach diesen Ausstellungen doppelt unterstreichen, daß mir
im einzelnen in dem Buche mancherlei recht treffliche Bemerkungen aufgestoßen sind. Dahin
rechne ich in erster Linie auch die Ausführungen über „Sprachbildung im allgemeinen."
Grade in diesem Punkte wird an den Kleinen noch ungemein viel gesündigt. Zu einer
Zeit, wo sie mit der Übersetzung aus dem Dialekt ins Hochdeutsche noch ihre liebe Not
haben, sollen sie nun auch gleichzeitig schon völlig korrekt sprechen, sollen „schon zierlich
erscheinen und sind noch nicht sicher." Durch das beständige Herumnörgeln an ihren
urwüchsigen Bemerkungen wähnt man ihre Sprache zu verbessern und macht sie dabei
auf schnelle und sichere Weise stumm und dumm. Diesen Erörterungen des Versaffers
wünsche ich daher recht zahlreiche Leser.
Förster, Oswald, Das erste Schuljahr. Theoretisch-praktisches Handbuch für Lehrer der
Elementarklassen. Vierte Auslage. Leipzig. 1902, R. Voigtländer. 416 S. 3,60
M, geb. 4.40 M.
Da haben wir eine regelrechte Schulkunde für den Lehrer der Kleinen. Der Ver-
faffer, ein sächsischer Seminar-Oberlehrer, bietet nach der Vorrede mit dieser vierten
Auflage ein fast völlig neues Buch, das theoretisch tiefer und wie er hofft, auch praktisch
brauchbarer angelegt ist als die früheren Auflagen. Der theoretische Teil nimmt etwa
ein Viertel des Buches in Anspruch. Das Übrige ist der Praxis gewidmet. Den
größten Raum nehmen Anschauungs- und Schreibleseunterricht ein; die andern Fächer
sind demgegenüber sehr summarisch behandelt, nur der Rechenunterricht kommt noch
etwas besser weg. Für den Religionsunterricht der Unterstufe hat der Verfasser eine
besonoere Anleitung herausgegeben; darum ist er hier wohl absichtlich nicht näher darauf
eingegangen.
Aufs Ganze gesehen ist das Buch recht wertvoll und brauchbar: es wird dem An
fänger, für den es ja in erster Linie bestimmt ist, schätzenswerte Dienste thun. Freilich
verliert sich der Verfasser bei seinen Anweisungen mitunter doch wohl zu sehr in aller
hand Einzelheiten; auch gereicht der trockene Lehrton, den er dabei häufig anschlägt,
dem Buche nicht gerade zum Vorteil. Das sind ja allerdings mehr oder weniger
Äußerlichkeiten; aber ich möchte es doch nicht Unterlasten, wenigstens daraufhinzuweisen.
Nicht um zu tadeln, sondern um seine Verbreitung zu befördern. Denn es möchte sich
sonst vielleicht mancher bei einer flüchtigen Durchsicht veranlaßt fühlen, das Buch wegen
seiner wenig anmutigen Form bei Seite zu legen. Und das wäre zu bedauern, denn
bei näherer Bekanntschaft wird man trotzdem seine Freude dran haben.
Wernecke, Robert, Die Praxis der Elementarklaffe. Ein Führer auf dem Gebiete des
Elementarunterrichts. Vierte, vermehrte Auflage. Leipzig. 190t, Theodor Hof
mann. 391 S. 3,80 M.
Auch dieses Buch hat kürzlich seine vierte Auflage erlebt. In der äußeren Anlage
ähnelt es dem vorigen in vielen Stücken. Der Verfaffer schreibt aus langjähriger Er
fahrung heraus. Mit hoher Begeisterung redet er überall von der Arbeit an den
Kleinen; er hat ihr Herz gewonnen und daher auch in ihren Kopf hinein geschaut.
Davon legen die beiden Eingangskapitel seines Buches beredtes Zeugnis ab. Über
Einzelheiten möchte ich demgegenüber auch nicht mit ihm rechten. Aufgefallen ist mir
hier und da eine Hinneigung zur Praxis der Vorschulen, d. h. zur einseitigen Berück
sichtigung des Formalen gegenüber dem Sachunterricht.
Den meisten Lesern des Schulblattes ist das Buch jedenfalls bekannt; so darf ich
es wohl bei diesem kurzen Hinweis bewenden lasten. Möge auch die neue Auflage recht
weite Verbreitung finden.

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