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I. Abteilung. Abhandlungen.
Wissenschaft. „Wenn aber ein Haus mit sich selbst uneins wird, wie mag es
bestehen?" Daß aber lebendiges Christentum über die Sozialdemokratie trium
phiert, ist zur Genüge bekannt. Darum die Feindschaft auf jener Seite. Darum
auch der Antrag in der Toleranzkommission des Reichstages, daß der Religions
unterricht aus den Schulen des deutschen Reiches entfernt werde. Ich meine:
dieser Antrag ist eine beredte Apologie des Christentums. Aber soviel ist auch
gewiß: Von einer toten evangelischen Rechtgläubigkeit, und mag sie noch so
korrekt und bekenntnistreu sein, hat die Sozialdemokratie nichts zu befürchten,
desto mehr von dem lebendigen Christentum, das sich gründet auf persönliche
Heilserfahrung und sich auswirkt in dem Gemeinschaftsleben mit Gott. Die
Entwickelung.der Sozialdemokratie ist die offenbare Bankerotterklärung der „staats
erhaltenden" Wissenschaft und des Gewohnheitschristentums mit seinem Ge
wohnheits-Religionsunterricht. Es fehlt uns nicht an religiösem Unterrichtsstoff
und an Religionsstunden, an Kirchen und Schulen, Pastoren und Lehrern. Wo
sind die Früchte? Wir haben die christlich-nationale Volksschule. Sind die
christlichen und nationalen Ideen wirklich eine Macht in den Massen unseres
Volks? Es hat doch keinen Zweck, daß wir Vogel-Strauß-Politik treiben. Daß
dem Volke die Religion erhallen werden soll, pfeifen heutzutage die Spatzen auf
den Dächern. Es fehlt doch wahrlich nicht an „Religion", auch nicht an
bekenntnisförmigem Christentum. Aber damit lockt man keinen Hund hinter dem
Ofen weg, das Ding ist vielfach so müde und matt, so kühl bis ans Herz hinan.
Da ist kein Feuer und kein Leben. Da fehlt es gerade an dem, was das Herz
allein froh und frei und zugleich fest machen kann gegen die kräftigen und blen
denden Irrtümer der Zeit. Ist unsere Schule allein schuld daran, daß es so
aussieht? Ich vermute, daß auch die Kirche zu ernstlicher Selbstprüfung nicht
wenig Grund hat. Unser gewöhnliches Kirchenchristentum scheint mir im großen
und ganzen das Resultat einer systematischen Mache zu sein. Die Kinder be
suchen in der Regel gewohnheitsmäßig zwei Jahre den kirchlichen Religionsunter
richt, dann bekennen sie gewohnheitsmäßig den christlichen Glauben, nehmen ge
wohnheitsmäßig am heiligen Abendmahl teil und werden gewohnheitsmäßig als
rechtmäßige Glieder der evangelischen Kirche legitimiert. Sie sind also fertige
Christen. Was thun? Die Antwort ist jedenfalls nicht so einfach wie die
Frage. Aber das scheint mir auf alle Fälle gewiß zu sein, daß die Konfir
mationspraxis dringend einer gründlichen Revision bedarf.
Noch nötiger aber ist es, daß die evangelische Kirche sich wieder ernstlich
auf das besinnt, was ihre Väter, einen Luther, Calvin und Zwingli, so un
überwindlich stark gemacht hat. Es war vor allen Dingen ihre persönliche
Heilserfahrung, die absolute Gewißheit ihres Gnaden standes.
Nach meiner festen Überzeugung steht unsere Kirche gegenwärtig an einem Scheide
weg. Die bequeme, goldene Mittelstraße führt nicht zum Ziel. Wohin? Rechts

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