366 I. Abteilung. Abhandlungen.
erkennt, da ist wohl ein rechtgläubiges, aber kein lebendiges, persönliches
Christentum.
Da diese Thatsache, obgleich sie so überaus wichtig ist, dennoch so wenig
Beachtung findet, will ich das Zeugnis zweier Theologen heranziehen. D. Sam.
Oettli, o. Professor der Theologie in Bern schreibt darüber („Gewissen und
Alkohol" S. 19): „Zu religiöser Überzeugung führt heute nur noch ein
Weg, der direkte: das religiöse Erlebnis. Nach meiner Überzeugung
erwächst dieses aus zwei Wurzeln, aus der schmerzlichen Erfahrung des großen,
traurigen Defizits in unserer eigenen Lebensleistung und aus der Selbst-
bezeugung Gottes in unserem Herzen." Das stimmt genau überein mit
meiner eigenen Erfahrung. Derselben Ansicht ist auch ein Theologe, den man
weder zu den Methodisten, noch zu den Pietisten, noch zu den Schwärmern wird
zählen können. Ich meine den bekannten Professor der Theologie Adolf Har-
nack. In seiner Schrift: „Das Wesen des Christentums" heißt es S. 93:
„Erleben — nur die selbst erlebte Religion soll bekannt werden; jedes andere
Bekenntnis ist im Sinne Jesu heuchlerisch und verderblich." Und S. 169 schreibt
er: „Diese kritische Reduktion hat im 16. Jahrhundert Luther vollzogen, indem
er siegreich erklärte: Die christliche Religion ist einzig gegeben in dem Worte
Gottes und in dem innern Erlebnis, welches diesem Worte entspricht."
— Dieses innere Erlebnis (wenn es rechter Art ist) entfacht in uns jenes
heilige Feuer, das Jesus am Pfingsttage anzündete auf Erden. Dieses Er
lebnis meint er, wenn er sagt: „Ringet darnach, daß ihr durch die enge Pforte
eingehet!" (Luk. 13, 24), oder wenn er sagt: „Das Himmelreich leidet Gewalt,
und die Gewalt thun, die reißen es an sich," (Matth. 11, 12) oder: „Es sei
denn, daß jemand von neuem geboren werde, sonst kann er das Reich Gottes
nicht sehen." (Joh. 3, 3. 5.)
Nun weiß ich wohl, daß es Leute giebt, die in Aufregung geraten, wenn
sie von innerer Erfahrung oder einem innern Erlebnis hören. Sie sind dann
gleich bei der Hand mit „fixen Ideen", „Einbildung", „Schwärmerei" und
dergl. schönen Dingen. Diese Aufregung kann ich wohl verstehen; ich liebe sie
sogar. Ich weiß auch sehr wohl, daß es eine religiöse Schwärmerei giebt und
daß es besonders in der Gegenwart nötig ist, die Geister zu prüfen. Aber das
weiß ich auch: Wo wirklich eine innere Erfahrung vorliegt, wie sie die Schrift
bezeichnet und fordert, da kann von keiner Schwärmerei die Rede sein. Im
Gegenteil: sie ist das beste und sicherste Mittel gegen alle Unnüchternheit. Da
ist in der That frommer Selbstbetrug, wo man blindlings Worte und Lehr
meinungen glaubt, wo mau sich mit gelegentlichen Rührungen und guten Vor
sätzen begnügt, wie es bei einer toten Rechtgläubigkeit der Fall ist, ohne irgend
eine reale Grundlage für sein persönliches Christentum zu haben und zu be
gehren. Wo Heilserfahrung ist. da ist auch Heilsgewißheit, klare Heilserkenntnis

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