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I. Abteilung. Abhandlungen.
1. In psychologischer Beziehung ist von der größten Wichtigkeit die Unter
scheidung des natürlichen und geistlichen Lebens. Jenes besitzen alle Menschen
kinder, dieses nur die Gotteskinder. „Was vom Fleisch geboren wird, das ist
Fleisch, und was vom Geist geboren wird, das ist Geist." (Joh. 3, 6.) „Der
erste Mensch ist geworden zur lebendigen Seele, der letzte Adam zum lebendig
machenden Geist." (1. Kor. 15, 45.) „Diese sind, die da Rotten machen,
fleischliche, die da keinen Geist haben." (Judä 19.) Dieses geistliche Leben
ist also nicht von Natur vorhanden, es ist abhängig von dem lebendigen
Glauben an Jesus Christus. Dieses Leben meint der Herr, wenn er sagt:
„Wer an mich glaubet, der hat das ewige Leben." Nur Kinder Gottes
können dieses ewige Leben haben. Sie besitzen demnach, wie schon erwähnt
wurde, ein doppeltes Leben. Sie sind wie alle Menschen den Gesetzen des
natürlichen (Leibes- und Seelen-) Lebens unterworfen, Gesetzen, die durch die
Vernunft erforscht werden können. Sie besitzen aber noch ein anderes, höheres
Leben, das von der Vernunft nicht begriffen und berührt werden kann. Es ist
nach seiner Entstehung und Vollendung für uns ein Geheimnis, das wir auf
dieser Erde niemals ergründen werden. Darum sagt unser Herr: „Drr Wind
bläset wo er will, und du hörest sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, von
wannen er kommt und wohin er fährt. Also ist ein jeglicher, der aus
dem Geist geboren ist." (Joh. 3, 8.)
Im Hinblick auf das geistliche Leben wäre die Frage wohl zu erwägen,
ob die Psychologie, wie gewöhnlich gelehrt wird, dieses übernatürliche Leben kennt
oder ob eine Ergänzung nach dieser Seite nötig ist. Unser Religionsunterricht
muß notwendigerweise in falsche Bahnen kommen, wenn er sich lediglich stützt
auf eine empirische oder rationelle Seelenlehre, die nur das innere Leben des
natürlichen, aber nicht des aus Gott geborenen Menschen kennt. „Der natür
liche Mensch aber vernimmt nichts vom Geiste Gottes; es ist ihm eine
Thorheit, und kann es nicht erkennen; denn es muß geistlich gerichtet sein."
(1. Kor. 2, 14.)
Es ist eine Thorheit, wenn die Vernunft sich berufen fühlt, das geistliche
Leben vor ihren Richterstuhl zu ziehen, wenn sie nur das anerkennen will, was
sie fassen kann. Nicht minder groß ist der Fehlgriff, wenn der Glaube die
Vernunft beherrschen will. Sie haben nichts miteinander zu schaffen; jedes
herrsche in seinem Gebiet! Sie sollen sich nicht bekämpfen, sondern ergänzen.
Unser Christenglaube soll uns vor allen Dingen das geben, was uns die Ver
nunft infolge ihrer Beschränkung nicht geben kann, nämlich eine befriedigende
Welt- und Lebensanschauung. Ich sehe gar nicht ein, warum der
scharf- und tiefsinnigste Denker nicht zugleich der einfältigste und kindlichste Christ
sein könnte. Ich sehe nicht ein, warum nicht der eine Zirkelfuß weit ausgreifen
könnte und sollte, wenn der andere recht fest im Centrum steht. Es ist nicht

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