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I. Abteilung. Abhandlungen.
mag es sich nun um die Heilsgeschichte des Alten oder Neuen Testaments oder
um irgend einen andern Zweig dieses Unterrichts handeln. In diesem Sinne
fordere ich, daß der Religionsunterricht christocentrisch ''fei, nicht bloß im
allgemeinen, mit Bezug aus den Lehrplan, sondern auch in jeder Unterrichtsstunde.
Was den Lehrplan betrifft, so habe ich an anderer Stelle für die Unterstufe
ein elementares Lebensbild Jesu, für die Mittelstufe die alttestamentliche
Heilsgeschichte und für die Oberstufe das Lehr- und Lebensbild Jesu als die
Grundlage für den Religionsunterricht vorgeschlagen. Es scheint mir nicht
allein dem Wesen des Christentums, sondern auch dem tiefsten Bedürfnis der
Kindesnatur zu entsprechen, daß unsere Kleinsten in der Schule nicht zunächst
mit Geschichten aus dem Alten Testament, sondern mit dem in Verbindung ge
bracht werden, das diesen Kleinsten besonders nahe steht.
3. Die Methode des Religionsunterrichts muß naturgemäß auch wesentlich
bestimmt werden durch den allgemeinen Zweck der Erziehung. Wird
dieser Zweck allein gesucht im sittlichen Charakter, so muß folgerichtig
auch der Religionsunterricht diesem Zwecke untergeordnet und der Schwerpunkt
der unterrichtlichen Behandlung demgemäß auf der ethischen Seite gesucht werden.
Dann liegt wiederum nichts näher, als in Jesu vor allen Dingen ein Tugend
ideal und Tugendvorbild zu sehen. Dann liegt beides, der allgemeine Zweck
der Erziehung und der besondere Zweck des Religionsunterrichts, im Bereich des
natürlichen Lebens, und es handelt sich nicht um ein Gottmenschen-, sondern um
ein Edelmenschentum. Nach meiner Überzeugung würde es richtiger sein, den
Endzweck der Erziehung im christlichen Charakter zu suchen. Ich weiß, daß
auch dieser Begriff anfechtbar ist. Man wird mir vielleicht vorhalten, daß der
Begriff des Christentums nicht so klar und bestimmt ist, daß man die Erziehung
nach Theorie und Praxis darauf gründen könnte.
Es liegt mir nichts ferner, als darüber zu streiten, was christlich ist
und nicht. Soviel steht mir fest — und ich glaube hier keinen Widerspruch zu
finden — daß das lebendige Christentum oder das christliche Leben mit
der Wiedergeburt beginnt. Dadurch treten wir ein in das Reich Gottes, da
durch werden wir Kinder Gottes. Aber diese Kinder haben die Bestimmung
zu wachsen; sie sollen durchdringen zu dem Mannesalter in Christo Jesu. Sie
sollen wahrhaft christliche Charaktere werden, wie der Apostel sagt: „Es ist ein
köstlich Ding, daß das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade."
Wenn ich den Endzweck der Erziehung für christlich-evangelische Schulen
so fasse, wie es geschehen ist, dann kann ich nicht darüber im Zweifel sein, wo
rauf es im Religionsunterricht wesentlich ankommt; dann kann und »arf ich
diesen Unterricht nicht so erteilen, als wenn es sich im wesentlichen darum
handelte, eine populäre Ethik oder Dogmatik zu vermitteln. Dann kann ich die
Sache nicht so auffassen, als handelte es sich nur darum, aus politischen, socialen,

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