Die Wirkung des Religionsunterrichts.
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gehen. Es ist mir besonders wichtig, daß der grundlegende Religionsunterricht
in der Unterklasse bereits ein elementares Lebensbild Jesu biete unter
genauer Beachtung der gegebenen Verhältnisse.
Ich möchte hier nur kurz die Methode des biblischen Geschichtsunterrichts
vorzeichnen, wie ich sie mir für die Oberklasse denke.
a) Es handelt sich zunächst darum, den gegebenen Stoff in anschaulicher,
lebendiger, warmherziger Darstellung zu vermitteln. Dann wird man durch Nach
lesen im biblischen Geschichtsbuch oder in der Schrift den Stoff in den Haupt
zügen einzuprägen und durch geeignete Fragen und Erläuterungen dem Ver
ständnis zu erschließen suchen. Für dieses Einprägen und diese verstandes
mäßige Betrachtung läßt sich Dörpfelds Enchiridion mit großem Vorteil ver
wenden. Es handelt sich hier immer nur um die gegebenen Thatsachen, um
Dinge, die wesentlich durch Anschauung, Vorstellung und logische Beurteilung
vermittelt werden. Das ist der erste (theoretische) Teil der Lektion.
b) Ich lege mir nun die Frage vor: Wie kann ich diese Geschichte für
Herz und Gemüt meiner Schüler fruchtbar machen? Oder: Wie kann ich diese
Erzählung dazu benutzen, das Gewissen zu schärfen und den Willen in
Bewegung zu setzen. Es handelt sich also um praktische Wahrheiten.
Diese Beeinflussung ist ganz besonders wichtig, weil der Geist Gottes das Ge
wissen und den Willen benutzt, um die Menschen ihrer Bestimmung ent
gegenzuführen, nämlich der Gotteskindschaft in Christo Jesu. Wenn das
Gewissen nicht durch Wort und Geist Gottes überführt ist, ist keine bleibende
Gnadenwirkung zu erwarten. Wo es aber an dem guten Willen fehlt, da
ist kein lebendiger Glaube und keine Bekehrung möglich.
Um das Gewissen zu wecken und zu schärfen, mag man immerhin auch die
praktischen Ideen Herbarts für den Unterricht nutzbar machen, wie ich es vor
Jahren versucht habe. Dagegen ist nichts einzuwenden, wenn einer in den
ethischen Anregungen des Religionsunterrichts das Wesentliche der Sache zu
finden meint. Es ist wohl zu bedenken, daß die Erkenntnisprinzipien der Sitten
lehre nicht zugleich die praktischen Prinzipien des christlichen Lebens sind. Diese
finde ich in Buße, Glauben und Heiligung. Diese Prinzipien sind
nicht etwa zu lehren, sondern zu zeigen, wenn und wo es angängig ist.
Um z. B. zu zeigen, was wahre Buße ist, lassen sich vortrefflich die Erzählungen
von Davids Fall, vom Pharisäer und Zöllner, vom verlornen Sohn, von der
großen Sünderin, von dem verleugnenden Petrus benutzen. Es handelt sich
also hier nicht um tote Lehrbegriffe, um Abstraktionen, sondern um eine auf
innere Anschauung gegründete klare Erfassung der Lebensprinzipien des
Christentums. Wie der Wille in Bewegung zu setzen ist, läßt sich nicht so
im allgemeinen sagen. Ich denke an das Wort Jesu: Gehe hin und thue
desgleichen!"
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