Die Wirkung des Religionsunterrichts.
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stumpfung der religiösen Empfänglichkeit stattfinden? Werden dadurch nicht
indifferente Pilatusnaturen oder oberflächliche Formen- und Maulchristen geradezu
gezüchtet? Woher kommt es doch, daß so viele in unserer Kirche der geistlichen
Schlafsucht verfallen sind? Ich glaube, daß der Religionsunterricht in Kirche
und Schule und ganz besonders der Katechismus unterricht mit daran
schuld ist. Ich fürchte, daß viele Leute wohl in der Theorie gut evangelisch,
aber in der Praxis gut katholisch sind. Sie klammern sich an ihren unfehlbaren
Katechismus, an die gedächtnismäßig angeeigneten Glaubensformen, Glaubens
normen und Lehrbegriffe und an das äußere Kirchentum an und ziehen dabei
die Schlafmütze tief über Augen und Ohren. „Sie haben Augen und sehen
nicht, Ohren und hören nicht." Sie beweisen es. daß der Buchstabe tötet. Es
ist nun einmal so: Der Katechismus vermittelt keine wahre Heilserkenntnis,
sondern nur wesenlose Heilsbegriffe, Worte ohne Geist und Leben. Wahre
Heilserkenntnis will erworben (durch persönliche Erfahrung) und nicht erlernt
sein. Gewiß sollen wir den Kindern den Heils weg zeigen; aber dieses Zeigen
ist etwas anderes, als kirchliche Lehrsätze zergliedern, beweisen und wörtlich memo
rieren zu lassen.
Man glaube doch ja nicht, daß die evangelische Kirche geschädigt würde,
wenn der Katechismus aus den Schulen verschwände! Gott sei Dank, daß die
evangelisch-christliche Welt- und Lebensanschauung nicht auf irgend einen Katechis
mus, mag er noch so schön und wahr sein, sondern allein auf den lebendigen
Glauben an Jesum Christum, den gekreuzigten und auferstandenen Gottmenschen
und auf sein Wort gegründet ist. Wo dieser Glaube ist, da ist in Wahrheit
evangelisches Christentum. Und wer diesen Glauben nicht hat, der hat auch
dieses Christentum nicht, wenn er auch ein Dutzend Katechismen von A bis Z
auswendig wüßte. Es ist dringend nötig, daß wir wieder zurückgehen auf die
beiden Fundamentalprincipien der evangelischen Kirche, auf die objektive und sub
jektive Grundlage des lebendigen Christentums: 1. Die absolute Schrift-
autorität und 2. die persönliche Heilserfahrung durch den Glauben.
Die Heilserfahrung wird gewirkt durch Gottes-, aber nimmermehr durch
Menschenwort. Deshalb ist es unsere Aufgabe, das Wort der Heiligen
Schrift an die Kinder heranzubringen, besonders aber den zu unsern Kindern
reden zu lassen, der sagen konnte: „Die Worte, die ich zu euch rede, sind Geist
und Leben." In diesen Worten wirkt der Geist, der da lebendig macht. Das
läßt sich von keinem Katechismus sagen.
Ich wünsche von ganzem Herzen, daß die gesamte Schularbeit getragen
und durchdrungen werde von der evangelisch-christlichen Welt- und Lebensanschauung:
ich meine nicht eine sogenannte religiöse oder protestantische, sondern die Welt-
und Lebensanschauung Luthers und der Väter der Reformation, die da wurzelt
im Bibelwort und in der persönlichen Heilserfahrung. „Ich bin gekommen,"

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