Die Wirkung des Religionsunterrichts.
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gefunden werden könnten? Nach meiner Beobachtung wird das geistliche Lied
wenigstens in der hiesigen Gegend in der christlichen Familie und in christlichen
Versammlungen mehr und lieber gesungen als das eigentliche Kirchenlied. Warum
auch nicht? Es ist doch gewiß nicht zu bedauern, daß Lieder wie: Harre meine
Seele, Ich bete an die Macht der Liebe, Wenn ich ihn nur habe, Laßt mich
gehn, So nimm denn meine Hände, O selig Haus, wo man dich aufgenommen,
u. a. gern und häufig gesungen werden. Wenn man solche Lieder in den
Anhang des Kirchengesangbuchs aufgenommen hat, warum sollte denn die Schule
keine Notiz davon nehmen? Warum sollte sie kirchlicher sein wollen als die
Kirche? Hier liegt nach meiner Ansicht ein Mangel vor, und es wäre sehr zu
wünschen, wenn dieser Punkt die gebührende Beachtung fände.
ä) Das Bibellesen. Es ist eine Menge Stoff, die nach unserem Lehrplan
im Anschluß an die Behandlung der biblischen Geschichten gelesen werden soll.
Ob dieses Lesen viel Zweck hat? Jedenfalls dann nicht, wenn ganz ungeeignete,
soll heißen: weit über den Gesichtskreis unserer Schüler hinausgehende Stoffe
gelesen werden. Man denke z. B. an Joh. 17; Hebr. 10 und die vorgeschrie
benen Abschnitte aus Röm. 1, 2 und 8. Das sind keine Sachen für Kinder.
Es kann doch wahrlich nicht Aufgabe der Schule sein, zu einem oberfläch
lichen, verständnislosen Bibellesen Anleitung zu geben. Als der Kämmerer aus
dem Mohrenlande auf seinem Wagen den Propheten Jesaias las, wurde er vor
die Frage gestellt: „Verstehest du auch, was du liesest?" Es ist unsere Pflicht,
diese Frage immer wieder an unsere Kinder heranzubringen und ihnen Philippus
dienste zu leisten. Ich denke dabei zunächst an das elementarste Wort- und
Sachverständnis. Können wir das nicht ermitteln, dann sind die betreffenden
Stoffe für die Schule ungeeignet, mögen sie für den gereiften Christen auch
noch so herrlich und köstlich sein. Sollte es nicht viel zweckmäßiger sein, die
Bibellesestunde zu benutzen, um eines der drei synoptischen Evangelien (Markus?)
im Zusammenhang zu behandeln oder um ein Bild der Lehre'Jesu zu bieten?
Ein solches Lehrbild scheint mir besonders wichtig zu sein in einer Zeit, da
man gerne vom „Christentum Christi" und vom „Wesen des Christentums"
redet. Ich halte es für überaus wichtig, daß man sich von Jesus sagen läßt,
wie er selbst über die Sache denkt. Das ist jedenfalls viel wichtiger, als sich
an der Hand eines Katechismus einen Begriff vom Christentum zu machen.
6) Uber das Maß des religiösen Unterrichtsstoffes habe ich mich bereits in
dem erwähnten Vortrage ausgesprochen. Meine darin geäußerte Ansicht, daß
ein Übermaß von Stoff vorgeschrieben sei, fand einmütige Zustimmung. Nun
weiß ich ja wohl, daß es Leute giebt, die am liebsten den ganzen Religions
unterricht aus der Schule entfernen möchten — auch unter den Lehrern. Mit
diesen habe ich nichts zu schaffen. Ich denke nur an solche Lehrer, die dem
Religionsunterricht freudig den ersten Platz in ihrem Herzen und in ihrer Schule

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