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Psychologische Skizzen.
1. Unsere Stellung zum Materialismus.
Der Materialismus, vertreten durch Büchner, Vogt, Häckel u. s. w., lehrt:
Das einzige Reale, Wirkliche, Thatsächliche ist die Materie, beim Menschen also
der Organismus. Die sogenannten psychischen Erscheinungen, Empfindungen,
Vorstellungen, Gefühle, Willensregungen werden durch das Gehirn hervorgerufen,
ja sie sind im wesentlichen nichts anderes als Hirnrhätigkeit. Die Materialisten
stützen sich dabei angeblich auf Thatsachen der Erfahrung. Sie sagen: Der
Mensch hat umer allen lebenden Geschöpfen, von wenigen Ausnahmen abgesehen,
das absolut und relativ größte Gehirn; zugleich zeichnet er sich vor allen Tieren
durch seine geistigen Fähigkeiten aus. Gehirnkrankheiten rufen eine vorüber
gehende oder dauernde Störung der seelischen Funktionen hervor. „Höchst sinn
reiche Versuche haben gezeigt, daß der schnellste Gedanke, den wir zu denken ver
mögen , den achten bis zehnten Teil einer Sekunde in Anspruch nimmt . . .
Daraus folgt der notwendige Schluß, daß ein solcher Akt nichts anderes ist, als
eine Form der Bewegung . . . Professor Schiff hat durch sehr sinnreiche Experi
mente an Tieren gezeigt, daß alle seelische Thätigkeit eine Wärmesteigerung im
Gehirn hervorruft . . . Damit ist also bewiesen, daß seelische oder geistige
Thätigkeit nichts anderes ist oder sein kann, als die zwischen den Zellen der
grauen Hirnrinde geschehende Ausstrahlung einer von äußeren Eindrücken ein
geleiteten Bewegung." Büchner, Kraft und Stoff S. 186. Lassen wir einmal
die angeführten Thatsachen als völlig einwandfrei gelten. Was läßt sich aus
ihnen schließen? Nach meiner Meinung dies: Die Bewußtseinsthatsachen stehen
mit gewissen Hirnthätigkeiten in einer kausalen oder sonstwie innigen Beziehung;
die normale Beschaffenheit und Funktion des Gehirns ist eine notwendige, un
erläßliche Voraussetzung für das Zustandekommen der seelischen Gebilde. Aber
aus den Thatsachen folgt durchaus nicht, daß Hirnthätigkeit die einzige Voraus
setzung geistiger Funktionen ist. Der Regen ist für das Wachstum der Pflanzen
notwendig, unerläßlich; aber er ist nicht die einzige Voraussetzung, an welche
das Wachstum der Pflanzen geknüpft ist; die Pflanze braucht ebenso notwendig
Licht. Luft, Wärme, Nahrung u. s. w. Aus den Thatsachen folgt aber noch
weniger, daß geistige Thätigkeit nichts anderes ist, als Hirnarbeit. A ruft B
hervor, heißt noch lange nicht: B ist A. Der Dampf ruft Maschinenbewegung
hervor; aber Maschinenbewegung ist darum doch kein Dampf. Kurz: Die
Materialisten folgern aus den Thatsachen viel mehr, als sich daraus schließen
läßt. Doch weiter. Daß die Sonnenstrahlen den Sehnerven erregen, ist be
greiflich ; denn das Auge ist der Aufnahme von Ätherwellen zweckmäßig angepaßt.
Auch daß diese Erregung ohne weitere Veranlassung durch einen Nervenfaden
oder durch ein Nervengeflecht fortgeleitet wird bis zum Gehirn. ist begreiflicb;
eine solche Fortpflanzung einer Bewegung ist eine tagtägliche Erscheinung. Aber
daß sich nun im Gehirn diese Erregung ohne weitere Veranlassung in eine
Empfindung verwandelt, ist absolut unbegreiflich, unglaublich.
Die Empfindung ist etwas Einzigartiges, etwas völlig Neues, etwas wesentlich
Anderes als eine Bewegung. Man mag sie betrachten, wie lange und von
welcher Seite man will, man findet in ihr auch nicht die geringste Ähnlichkeit mit
einer Nervenerregung, wie unter anderen auch Spencer sehr bestimmt hervorhebt.
Etwas so völlig Neues, völlig Anderes erfordert notwendig auch eine völlig neue,
völlig andere Ursache. Aber nicht nur die Empfindungen, Wahrnehmungen,

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