384 II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
sondern alle, auch die höchsten geistigen Fähigkeiten sollen nichts sein, als Hirn
thätigkeit.
Die wunderbare Weisheit und Energie, mit der Fürst Bismarck den Bau
des deutschen Reiches aufrichtete, war — Hirnarbeit. Die Genialität, mit der
Goethe eine Welt voll der lebensvollsten, reizendsten Gestalten vor unserm Geiste
erstehen läßt, war — chemische oder elektrische Nervenerregung. Die Idee, die
in dem Ingenieur aufblitzt, und die ihn eine Maschine erfinden läßt, so kompli
ziert und doch so einfach, so erstaunlich leistungsfähig und doch so leicht zu re
gieren, ist — Hirnthätigkeit. Die herzliche Liebe, mit der Pestalozzi die Armen,
Notleidenden umfaßte, war — ein Phosphoreszieren im Gehirn. Das ist,
Paulsen hat darin ganz recht, offenbarer Unsinn. Endlich noch eins. Unmittelbar
gegeben sind uns nur die Bewußtseinsthatsachen. Nur ihrer sind wir absolut
sicher. Die Außenwelt mit ihren mannigfaltigen Gegenständen ist uns nicht
unmittelbar gegeben; sie ist von uns erschlossen, und zwar auf Grund und nach
Maßgabe unsrer Empfindungen, Wahrnehmungen, Vorstellungen. Wir nehmen
Gesichtsempfindungen in uns wahr und schließen auf ein Etwas, das sie in uns
hervorruft; wir hören ein Geräusch und schließen auf ein Etwas, das unsere
Gehörnerven in Erregung versetzt. Unser Bewußtsein ist nicht eine vornehmliche
Quelle unserer Kenntnis von der Außenwelt, sondern geradezu die einzige, aus
schließliche. Denken wir unsre Empfindungen u. s. w. hinweg, so verschwindet
für uns die ganze Welt mit allem, was darin ist, in ein wesenloses Nichts.
Zur Außenwelt gehört auch unser Gehirn. Alles, was wir von dieser „höchsten
und feinsten Blüte aller irdischen Organisation“ wissen, das wissen wir ganz
ausschließlich auf Grund unsrer Bewußtseinsthatsachen. Nun soll das, was uns
allein unmittelbar gegeben ist, dessen wir allein absolut sicher sind, auf Grund
dessen allein wir von einer Außenwelt reden, nichts sein als trügerischer Schein;
und das, das uns unmittelbar nicht gegeben ist, auf dessen Dasein wir nur
schließen, über das wir nie zu völliger Gewißheit kommen können, das soll allein
real, wirklich sein. Das ist gegen alle gesunde Logik. Es darf uns darum
nicht wunder nehmen, daß, soweit ich unterrichtet bin, unter den modernen
Psychologen auch nicht ein einziger ist, der sich zum Materialismus bekennt. Am
nächsten kommt dieser Weltanschauung Jodl. Er schreibt in seiner Psychologie:
„Wahres wissenschaftliches Objekt der heutigen Psychologie ist nur der lebendige
Organismus, zu dessen Funktionen auch Bewußtseinsakte gehören." (S. 32.)
Und an einer andern Stelle: „Daß organisierte Materie denkt, ist eben so gewiß,
als daß unorganisierte Materie nicht denkt. Die sogenannte Materie, auf welche
ein Reiz wirkt, der ein organisches Wesen trifft, ist in Wahrheit Geist; nur
darf man keinen Augenblick vergessen, daß auch dieser sogenannte Geist in
Wahrheit Materie ist." S. 40. Aus dem letzten Satz scheint aber hervorzugehen,
daß Jodl, ähnlich wie Spencer, aus dem Boden der Jdcntitätstheorie steht, die
da lehrt: Materie und Geist sind Symbole für ein unbekanntes, unerforschliches
Wesen. Seine Heimstätte hat den Materialismus jederzeit in der Naturforschung
gefunden. Der Physiologe betrachtet das sinnfällig Gegebene als das Reale und
sucht es durch Beobachtung, Experiment u. s. w. immer gründlicher zu erforschen;
und wir wollen ihm dankbar sein für jeden näheren Aufschluß, den er uns über
das Gehirn, seine Zusammensetzung, seine Funktionen u. s. w. erteilt. Wenn
er aber aus der Thatsache, daß er bei seinen Untersuchungen immer nur auf
bewegte Materie stößt, den Schluß zieht: es giebt nur bewegte Materie, dann

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