Die Theorie des Lesebuches und der Lesebucherlaß.
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überschreitet er seine Kompetenz und greift hinüber in ein Gebiet, das seine
eigene Methode, seine eigenen Voraussetzungen der Forschung hat; denn die
Physiologie ist keine Psychologie, sondern eben Physiologie.
Die Theorie des Lesebuches und der Lesebucherlaß.
Als im Jahre 1773 Eberhard von Rochow seinen „Kinderfreund" ver
öffentlichte, da ging dem deutschen Kinde ein freundlicher Stern auf. Wer
erinnerte sich nicht aus seiner Kinderzeit der seligen Stunden, wo er sich mit
einem neu entdeckten „schönen Stück" seines Lesebuches in einen heimlichen Winkel
machte und in seinem Schatze schwelgte. In der Regel waren es ja keine
schwungvollen Klopstockschen Verse, wie sie den jungen Goethe zum flammenden
Ausbruch der Begeisterung hinrissen; aber wie wir auch als „reife" Leute mit
ästhetisch abgeklärtem Urteil über diese Stücke denken mögen, das Entzücken jener
Tage steht in ungetrübter Helle vor unsern Augen. Und nicht dem deutschen
Kinde allein leuchtete jener Stern; das Büchlein des deutschen Freiherrn wurde
in viele fremde Sprachen übersetzt. Aber es war ein Wandelstern in besonderem
Sinne. Seine Leuchtkraft schwand und stieg je nach den Fortschritten der Theo
retiker, die bald die moralische, bald die realistische, bald die litterarische Seite
zu pflegen unternahmen, oder gar, um möglichst vielen etwas zu bieten, diese
drei Gesichtspunkte vereinigten.
Lange herrschte in den Schulen des Niederrheins an diesem Teil des Schul
himmels traurige Dunkelheit. Von jenem Lesebuch, das etwa 20 Jahre hindurch
die Herrschaft hatte, das den Schülern fast nichts, den Lehrern lediglich Verdrießlich
keiten brachte, ist nichts übrig geblieben als der Name. Es scheint „in Gedanken"
stehen geblieben zu sein.
Gerade bei uns ist die Einführung jenes Buches drückend empfunden worden,
denn hier zu Lande herrschte, wenn auch die so schwierige grundsätzliche Frage
der Aufgabe und Gestaltung des Lesebuches noch nicht endgültig entschieden ist,
doch über gewisse notwendige Eigenschaften desselben volle Klarheit unter den
Schulleuten. Wenn wir uns die zahlreichen Aufsätze des Evangelischen Schul
blattes über die Lesebuchfrage, besonders die kritischen über das frühere Lesebuch,
vor Augen halten, so möchten wir fast meinen, der Herr Kultusminister habe
sich in einigen wichtigen Fragen an dieser Stelle Rat geholt.
Bevor wir jedoch dazu übergehen, diejenigen Bestimmungen des Erlasses/)
die uns von besonderer Bedeutung zu sein scheinen, hervorzuheben und im Sinne
der Überlieferungen des Evang. Schulblattes kurz'zu beleuchten, ist es notwendig,
der wichtigsten, der eigentlichen Grundfrage, deren volle Lösung allerdings noch
aussteht, zu gedenken.
Worin liegt der Hauptgrund der noch herrschenden Unklarheit und Unsicher
heit? Unseres Erachtens darin, daß die Ausführungen Dörpfelds in den „Grund
linien zur Theorie des Lehrplans" und in der Schrift: „Zwei dringliche Re
formen rc." nicht die ihnen zukommende Beachtung gesunden haben. Die gegen
wärtige Bewegung auf dem Schulgebiete, die auf eine vermehrte Pflege des
Schönen und der künstlerischen Anlagen des Kindes gerichtet ist, scheint mir
fl Derselbe ist mitgeteilt im Evang. Schulblatt. Heft 6 Seite 255.

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