Die Theorie des Lesebuches und der Lesebucherlaß.
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vielmehr auf den Boden der bestehenden Verhältnisse stellt. Es ist ja doch Sache
der Schulleute, den Fortschritt in der Didaktik zu suchen und herbeizuführen.
Dennoch möchten wir von vornherein betonen, daß der Lesebucherlaß den
augenblicklich geltenden Forderungen einer vernünftigen Lehrpraxis durchaus gerecht
wird, daß er in mehr als einer Hinsicht dem Fortschritt der Zeit und gerade
der Bewegung Rechnung trägt, die sich für die Zukunft als von eigenartigem,
bleibendem Wert erweisen wird.
Es dürfte nicht schwer fallen, an dem Erlaß abfällige Kritik zu üben,
Unklarheiten und Widersprüche aufzudecken. Wer aber vermöchte, ohne das Be
stehende über den Haufen zu werfen, es besser zu machen? Viel wichtiger ist es,
des lebensfrischen Tones, des großen Zuges bewußt zu werden,
der durch das Ganze geht. Wir wollen im folgenden nur einige der wichtigsten
Bestimmungen desselben betrachten. Da steht obenan die Forderung, daß auf
die landschaftliche Eigenart Rücksicht genommen werden soll. Es ist bekannt, wie
wenig dies bei dem früheren Lesebuche geschehen war. Wenn gerade diese For
derung an die Spitze gestellt worden ist, so dürfen wir daraus wohl entnehmen,
daß derselben an maßgebender Stelle besondere Bedeutung beigelegt wird. Und
mit Recht geschieht dies; nicht allein das praktische Bedürfnis, sondern auch
eine gesunde Psychologie weist auf diesen Grundsatz hin. Anknüpfung an Be
kanntes ! Das ist eine alte pädagogische Forderung, Benutzung der Apperzeptions
hülfen ! Das verlangt auch die wissenschaftliche Pädagogik. Immer wieder ist
auch im Evangelischen Schulblatt die Mahnung erhoben worden, den volks
tümlichen Interessen, wie sie sich in ihrer örtlichen Begrenzung herausgebildet
haben, nachzuspüren, um sie zu verwerten. Wenn gerade von Schulleuten diese
Forderung außer acht gelassen worden ist, so ist das unverzeihlich, es ist das
nur erklärlich durch Gedankenlosigkeit oder durch das Bestreben, durch möglichst
allgemein gehaltene Schulbücher ein möglichst gutes Geschäft zu machen. Eher
kann man es verstehen, wenn der Staat, d. h. die staatlichen Verwaltungs
beamten für landschaftliche Besonderheiten kein Auge haben. Denn es regiert
sich am bequemsten, wenn die Schattierungen der Stammeseigentümlichkeiten in
dem grauen Einerlei des bloßen „Unterthanen" untergehen. Das gebräuchliche
Verfahren bei der Anstellung der Staatsbeamten, wobei dieselben möglichst durch
einander gewürfelt werden, liegt in dieser Richtung. Wir begrüßen die in Rede
stehende Bestimmung des Erlasses nicht bloß um ihrer Bedeutung für die Lese
buchfrage, sondern auch mit der Hoffnung auf eine weitere Anwendung desselben
Gedankens auf dem Gebiet der Verwaltung.
Die vorliegende Forderung ist ja eigentlich nur eine Ausführung des Satzes
der Allgemeinen Bestimmungen: „Das Lesebuch soll ein volkstümliches Gepräge
tragen." Derselbe hätte vielleicht schon früher zu einer Berücksichtigung der
landschaftlichen Eigenart geführt, wenn man von dem volkstümlichen eine klarere
und richtigere Vorstellung gehabt hätte. Man verstand „volkstümlich" lediglich
im Gegensatz zu „gebildet", „wissenschaftlich" als das Niedere im Gegensatz zu
dem Höheren. Das Gebildete ist überall oder besser nirgends zu Hause,
Stammeseigentümlichkeilen darf man ihm nicht anmerken können, ja eine Zeitlang
mußte es sogar das Nationale vergessen. So denkt man sich das Volkstümliche
bloß als eine niedere Schicht der Bildung, aber ebenso wie das Gebildete von
allgemeinem Charakter. Das ist nun freilich ganz falsch, das Volkstümliche ist
an einen ganz bestimmten Boden gebunden, es hat Erdgeruch. Die volle An-

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